Es beginnt blutig. So richtig blutig. Nämlich mit einem Mord. Rei Nagasawa (Kiko Mizuhara) schleppt in einer Bar einen Mann ab, den sie wenig später beim gemeinsamen Sex in seiner Wohnung abschlachtet. Zuvor hätte beinnahe er Rei umgebracht. Aber nur beinahe, denn Rei entpuppt sich als wahreKillerin. Wie man wenig später in Rückblenden erfährt, war dieser Mann der Ehemann ihrer ehemaligen Schulkollegin Nanae Shinoda (Honami Satô), der sie misshandelte. Die Spuren seiner unkontrollierten Gewalt erinnern den Zuseher von "Ride or Die" 142 Minuten lang subtil immer wieder daran, was der Auslöser für diese japanische Version des Klassikers "Thelma & Louise" war. Der Streaming-Dienst Netflix bietet diesen Roadmovie von Regisseur Ryuichi Hiroki seit kurzem in seinem Programm an.

Quintessenz mit Holzhammer

Hiroki erzählt mit langem Atem die Geschichte der beiden jungen Frauen, die auf einer Manga-Serie von Ching Nakamura basiert. Zehn Jahre lang hatte Rei keinen Kontakt zu ihrer unerreichbaren Jugendliebe Nanae. Heute ist die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammende Rei Schönheitschirurgin. Nanae hingegen heiratete jung, als "sie noch am meisten wert war", um versorgt zu sein. Sie erlebte eine Jugend in Armut. Schon damals half ihr Rei aus der finanziellen Patsche. Als sie Rei nun um Hilfe bittet, lässt diese für ihre Liebe alles liegen und stehen, verlässt ihre langjährige Freundin per Telefongespräch - und tötet sogar.

Hier zeigt sich bald das zentrale Thema dieses Films: Was ist man bereit, für die Liebe seines Lebens, für seine Familie zu tun? Wer diese Quintessenz nach 120 Minuten nicht verstanden hat, bekommt sie mit der Holzhammer-Methode noch einmal serviert, als nämlich Reis schwangere Schwägerin ihrem Mann erklärt, weshalb sie Rei und Nanae fliehen ließ und nicht der Polizei übergab. Die beiden hielten sich kurzfristig im Haus ihres Vaters versteckt nach einer Odyssee mit Motorradflucht in Stöckelschuhen, gemeinsamen Restaurant-Besuchen, Übernachtung am Bahnhof und noch einigen Abenteuer mehr. Dass sie eigentlich schon von der Polizei wegen Mordes gesucht werden, merkt man den beiden nicht an. Vielmehr werden sie zu oftmals gut gelaunten, kichernden Mädchen. Bis sie ihre Lebensumstände, ihre Zwänge wieder einholen. Auf der Flucht der beiden Frauen, die "weder Freundinnen noch Liebende" sind, wird viel gezweifelt, Lebensentwürfe werden verworfen, Entscheidungen getroffen, die letztlich der richtige Weg zur Freiheit und zum Glück sein sollen. Ob er das auch sein wird?

Die Kameraführung ist ungewohnt: ein Spiel aus Nähe und Distanz, um die Emotionen der authentischen Schauspielerinnen zu spiegeln. Dann wiederum verliert sich Hiroki in langen Aufnahmen etwa von Autofahrten mit kitschigen Songs wie aus dem Wurlitzer. Welchen Zweck diese Aufnahmen in ihrer Länge dienen, ist nicht nachvollziehbar. Dennoch ein filigranes, bildintensives Werk.