Die 20-jährige Luisa (Mala Emde, ausgezeichnet als beste Hauptdarstellerin beim Filmfestival von Venedig) könnte eigentlich ein beschauliches Leben haben: Sie studiert Jus, wohnt am Land und hat grundsätzlich keine Sorgen. Als sie sich in der Großstadt einer linken Kommune anschließt und mit dieser in die Antifa-Szene eintaucht, ändert sich ihr Leben allerdings von Grund auf. Luisa hat das Gefühl, nun zu einer Truppe dazuzugehören, die ihrem jungen Leben Sinn gibt: Es werden Störaktionen bei Kundgebungen rechter Politiker geplant, man hängt aber auch zusammen ab und trainiert Boxen, druckt Flugblätter, füllt ausgeblasene Eier mit Farbe zum Bewerfen der Gegner, es ist ein bisschen Revolution in der Luft, aber ob das schon reicht, um das Leben in Deutschland zu verändern, so wie Luisa sich das wünscht?

Luisa wird in Julia von Heinz’ "Und morgen die ganze Welt" (ab Anfang Mai auf Netflix) bald lernen, dass ihre Naivität vielleicht auch eine Schutzfunktion für ihr Leben gehabt hätte. Denn als die Antifa-Truppe eine Neo-Nazi-Formation unterwandert, um mehr über einen angeblich geplanten Anschlag herauszufinden, überschreiten die Mitglieder Grenzen - auch Luisa. Plötzlich steht die Frage im Raum: Lohnt es sich, mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren? Zugleich bringt die Aktion auch Verbindungen in höchste Polit-Kreise ans Tageslicht.

Regisseurin von Heinz arbeitet sehr ambitioniert an diesem übergroßen Thema, sie findet auch emblematische Bilder, aber über die reine Abbildung der Ereignisse kommt ihr Film letztlich kaum hinaus; das verwundert letztlich ein wenig, denn es sind die eigenen Jugenderfahrungen der 44-jährigen Filmemacherin, die hier mit eingeflossen sind: Julia von Heinz war einst selbst Mitglied einer Antifa-Gruppe.

Hilferuf gegen Rechts

Aber vielleicht ist auch ihr die durchaus verständliche Ratlosigkeit einer an Gerechtigkeit glaubenden Idealistin geblieben und der Film darob ein Hilferuf gegen Rechts. Es sind die Grundfragen zum demokratischen Diskurs, die der Film zwar plakativ stellt, sie aber unbeantwortet lässt. Der gezeigte Aktionismus reicht für eine Schlagzeile, aber nicht für einen Lösungsansatz der dargestellten Probleme. Das muss auch Luisa hinnehmen, durch die die Regisseurin lautstark kundtut, woran ihr gelegen ist: An einer moralischen Neuorientierung dieser Gesellschaft, in der zu dieser unsicheren Zeit so vieles aus den Rudern läuft. "Und morgen die ganze Welt", anspielend auf den alten, von den Nazis veränderten Liedtext zu "Es zittern die morschen Knochen" von Hans Baumann, ertränkt den Glauben an die Demokratie und ihren gesellschaftlichen Nachhall ein bisschen in seinem eigenen politischen Übereifer.