So ein Alltag als Lehrer kann ganz schön kräfteraubend sein. Vor allem, wenn man in seinem Bemühen, dem Nachwuchs etwas beizubringen, mehr und mehr scheitert. Wenn die Routine überhandnimmt. Deshalb tun sich in "Der Rausch" vier befreundete Lehrer (dargestellt von Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe) zusammen, um aus dem Frust heraus gemeinsam ein "Trinkexperiment" zu starten: Die Annahme: Wenn jeder von ihnen stets einen ordentlichen Alkoholpegel hält, dann macht das Unterrichten wieder Spaß, und die Kids merken sich auch etwas von dem, was man von sich gibt. Das geht natürlich nur am Anfang des Films gut.

"Der Rausch", bisher pandemiebedingt noch nicht im Kino zu sehen, soll im Juli auf die Leinwände kommen. Bereits am kommenden Sonntag hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg ("Das Fest") die Chance, bei der Oscar-Verleihung den Academy Award für den besten fremdsprachigen Film zu gewinnen.

"Wiener Zeitung": Sie haben immer wieder gesagt, "Der Rausch" sei eine Hommage an den Alkohol. Wie meinen Sie das?

Regisseur Thomas Vinterberg will Alkohol nicht verteufeln. - © Katharina Sartena
Regisseur Thomas Vinterberg will Alkohol nicht verteufeln. - © Katharina Sartena

Thomas Vinterberg: Alkohol wird generell verteufelt, und es gibt allerorts nur "Political Correctness" diesbezüglich. Ich hingegen zeige in "Der Rausch", wie unverzichtbar Alkohol als gesellschaftlicher Faktor ist. Tatsächlich war meine Grundidee, dem Alkohol ein filmisches Denkmal zu setzen, aber dieses Korsett erwies sich schnell als zu eng. Denn Alkohol bestimmt viele Bereiche unseres Lebens, das muss man sich erst einmal bewusst machen. Überlegen Sie doch einmal, wo Alkohol überall eine Rolle gespielt hat: etwa beim Kennenlernen der meisten Leute! So manches Ehepaar hat sich an einem feucht-fröhlichen Abend verliebt. Aber auch große politische Persönlichkeiten haben weitreichende Entscheidungen getroffen, als Alkohol im Spiel war, und von den größten Künstlern unserer oder vergangener Tage rede ich erst gar nicht. Das ist die eine Seite. Aber Alkohol tötet die Menschen auch, er kann ganze Familien ruinieren. Tobias Lindholm, der mit mir das Drehbuch geschrieben hat, und ich selbst haben beide Menschen in unserem Umfeld, die davon betroffen sind.

Sie mixen in "Der Rausch" satirische Elemente in diesen tatsächlich ernst gemeinten Versuch dieser Lehrer, sich mit Alkohol ins Leben zurückzutrinken.

Das Konzept war, pflichtbewusst zu sein, akkurat zu sein, keine Position zu beziehen, sondern den Plot als Untersuchung an Menschen anzulegen. Sie machen eine Studie daraus, die natürlich irgendwann scheitert. Der Film verteufelt den Alkohol nicht, sondern zeigt Licht und Schatten. Wir wollten nicht moralistisch sein, das will ich generell nie - im Leben nicht und auch nicht in meinen Filmen. Aber der Film ist schon eine Reaktion auf das Moralisieren in der Gesellschaft.

Was ist die Grundfrage, die Sie sich bei diesem Film stellten?

Warum trinken wir so gerne? Ganz einfach. Ich glaube, jeder kann sehen, dass es hier sehr wohl um die zerstörerische Kraft von Alkohol geht, zugleich aber auch um die Faktoren, die uns beeinflussen, wenn wir trinken. Ich habe etliche Reaktionen auf den Film von Anonymen Alkoholikern bekommen, die sich wirklich darüber gefreut haben, dass der Film es ernst meint mit ihnen und anerkennt, warum man zur Flasche greift.

Hatten die Schauspieler am Set die Verpflichtung, Alkohol zu trinken?

Nein, das wollte ich nicht! Wir hatten eine intensive Vorbereitungsphase, in der wir übten, wie man betrunkene Menschen spielen kann, ohne, dass sie wie eine Karikatur erscheinen.

Der Dreh zu diesem Film wurde von einer schrecklichen persönlichen Tragödie überschattet.

Vier Tage, nachdem wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten, erreichte mich die Nachricht, dass meine 19-jährige Tochter Ida auf dem Rückweg von Paris bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Meine Welt stürzte in sich zusammen, es gibt dafür überhaupt keine Worte. Ich hatte ihr sogar eine Rolle in dem Film zugedacht. Der einzige Grund, weshalb ich weitermachen konnte, war ein Brief, den sie mir einige Monate zuvor aus Afrika geschrieben hatte, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Sie liebte das Script, sie hat mir Mut gemacht, es umzusetzen. Ich war mit ihr sehr eng und schätzte ihre Meinung über meine Arbeit. Es machte überhaupt keinen Sinn, den Film weiterzudrehen. Zugleich machte es keinen Sinn, ihn abzubrechen, denn ich wusste: Ida würde es absolut wollen, dass ich den Film zu Ende bringe. Also haben wir entschieden, den Film für sie zu machen. Es war die einzige Möglichkeit für mich, weiterzuarbeiten.

Hat "Der Rausch" durch diese Tragödie noch einmal eine andere Bedeutung für Sie bekommen?

Ich bin mir nicht sicher, denn das Ereignis ist noch zu frisch, um es verarbeiten zu können. Aktuell würde ich es vielleicht so formulieren: Der Film hat mich gerettet. Das Team hat mich aufgefangen und mir so viel Mitgefühl gegeben, ohne das ich es wohl nicht geschafft hätte, diese Zeit zu überstehen.