Wenn es etwas gibt, das in Pandemiezeiten gewiss ist, ist das ein Grund zum Feiern: So eine Gewissheit gibt es in der Nacht auf kommenden Montag, wenn in Los Angeles zum 93. Mal die Oscars verliehen werden - die Live-Gala wird derzeit mit viel Aufwand vorbereitet, ein bisschen scheint es so, als gäbe es die Pandemie gar nicht: Der rote Teppich ist bereits ausgerollt, die Oscar-Statuetten in Überlebensgröße wurden gemeinsam mit dem Blumen-Dekor am Gelände des Dolby Theatres aufgestellt.

Und doch: Eine normale Oscar-Show wie in Vorjahren dürfte diese Verleihung nicht werden. Das liegt einerseits an Corona. Oscar-Anwärter und prominente Helfer dürfen jeweils nur einen Gast mitbringen. Alle Anwesenden müssen Negativ-Tests vorweisen, Abstandsregeln befolgen und während Werbepausen Masken tragen. Beim Auftritt vor der Kamera darf die Maske aber abgelegt werden. Es wird vermutlich trotzdem eine optische Einbuße sein, wenn am roten Teppich nicht hunderte Fotografen dicht an dich gedrängt nach den Stars rufen.

Einschaltquoten benötigt!

Andererseits ist die Show, bei der im Vorjahr gerade einmal 23 Millionen US-Amerikaner zusahen (2019 waren es 47 Millionen) schwer in der Krise: Das Dauergelaber der Preisträger und die elendslange Show gehören vom Format her längst der Vergangenheit an, weshalb man heuer ganz neue Wege beschreiten will.

Die Krise, die die Organisatoren zwingt, die Gala an mehreren Orten stattfinden zu lassen, anstatt in einem vollgepackten Dolby Theatre, erweist sich so als Gelegenheit, das TV-Format der Awards-Show aufzubrechen. Niemand Geringerer als Starregisseur Steven Soderbergh (Oscar für "Traffic") konnte als Produzent der Oscar-Show gewonnen werden - und hat Außergewöhnliches vor: "Es ist ein bisschen so, als würde man ein Flugzeug während des Fluges zusammenbauen", lachte Soderbergh bei jener Pressekonferenz, bei der er sein Show-Konzept vorstellte. "Wir werden diese Show so erzählen, dass die Zuschauer am Ende den Eindruck haben, gerade einen Spielfilm gesehen zu haben", so Soderbergh. "Jeder wird an diesem Abend eine Rolle spielen, und das Publikum erwartet eine Erzählung und weiß am Ende von jedem, was er wollte und wer er war. Es wird ein dreistündiger Spielfilm, bei dem ein paar Awards vergeben werden." Star-Präsentatoren, darunter Brad Pitt, Halle Berry und Harrison Ford, machen bei dem Spaß mit.

Über den Charakter der Show kann man dennoch nur mutmaßen, denn Details hat Soderbergh nicht verraten - das soll neugierig machen und die Menschen zum Einschalten animieren. Fix ist, dass das Bahnhofsgebäude Union Station eine der Hauptbühnen des Abends sein wird. Außerdem wird es internationale Schaltungen geben, denn wegen Corona werden nicht alle Nominierten auch anreisen können. Zoom-Schaltungen soll es allerdings nicht geben. Daher wird es Studios in London in einem Kino des British Film Institute und in Paris im Studio Canal Plus geben, wohin die jeweiligen Nominierten selbst anreisen müssen. Hinter den Kulissen wird es kein Essen und keine alkoholischen Getränke geben. Klingt spaßig.

Dresscode: Black Tie

Gewiss ist jedenfalls: die Kleidungsvorschrift. Denn ein Herumlungern am Sofa im Jogginganzug, wie das viele Nominierte bei den Golden Globes zelebrierten, wird es bei den Oscars nicht geben. Schließlich hat die Show nicht umsonst den größten Glamour-Ruf, also bitte Black Tie!

Bleibt noch die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Gala: Wer sind die Favoriten? Das Rennen in den wichtigsten Kategorien dürfte wohl Chloé Zhaos "Nomadland" machen, in dem Frances McDormand als moderne, mittellose Nomadin im Van durch die USA reist, in dem sie auch lebt. Der Film gewann die meisten richtungsweisenden Auszeichnungen, die später für einen Oscar sprechen, darunter den Golden Globe und den PGA-Award. Außerdem hat Zhao die Chance, die zweite Frau überhaupt zu werden, die einen Regie-Oscar erhält (die erste war 2010 Kathryn Bigelow).

Zeichen der Zeit

Zudem trifft der Film die Themen der Zeit, spricht über ein abgewirtschaftetes Land, in dem vor allem arme Frauen und Schwarze wenig Perspektiven haben. Ob dagegen Konkurrenten wie "Mank" (10 Nominierungen), "Judas and the Black Messiah", "The Father" oder "Minari" wirklich eine Chance haben, bezweifeln inzwischen auch die meisten Wettbüros.

Am Ende der Gala geht dann das Licht aus: Die Partys rund um die Oscar-Nacht fallen dieses Jahr natürlich auch den Corona-Maßnahmen zum Opfer. Wobei: Pop-Star Elton John hat seinen traditionellen Promi-Treff mit Stargast Dua Lipa kurzerhand ins Internet verlegt. Und sorgt so für eine Demokratisierung des Glamours: Für rund 17 Euro Spende an Elton Johns Aids-Stiftung kann sich jeder reinklicken. Es wird wohl nie wieder so leicht sein, bei einer Oscar-Party vorbeizuschauen.