"Fad, fader, die Oscars!" "Im nächsten Jahr kann man die Oscars in der ‚In Memoriam‘-Sektion unterbringen." "Diese Zeremonie hat die Energie einer leeren Batterie." Auf Twitter ließen die Nutzer ihren Emotionen freien Lauf: Die Oscar-Gala, in diesem Jahr pandemiebedingt mit nur 170 Gästen und in eher intimem Rahmen, sei die "langweiligste Gala seit 30 Jahren". Nicht wenige forderten: "Wir wollen Billy Crystal zurück!"

Der legendäre Show-Host, der die Oscars insgesamt acht Mal (zuletzt 2012) moderierte, hätte diesem Abend wahrlich gutgetan: Denn der vollmundigen Ankündigung der Academy, aus der Sondersituation im Corona-Jahr eine ganz besondere Gala zu zaubern, wurde überhaupt nicht entsprochen. Regisseur Steven Soderbergh, der im Vorfeld davon sprach, den Oscar-Abend wie einen Spielfilm inszenieren zu wollen, ließ davon nichts spüren, außer dass er Bilder im Breitwand-Format lieferte.

Dass hier am Ende mit "Nomadland" der erwartete Sieger vom Platz ging, machte die Show nicht spannender. Chloé Zhao, die 39-jährige US-chinesische Regisseurin, ist erst die zweite Frau in der Oscar-Historie, die einen Regie-Award mit nach Hause nimmt, nach Kathryn Bigelow. Der Wandel innerhalb der Academy hin zu mehr Gendergerechtigkeit und Diversität, er kam in dieser Entscheidung wohl am deutlichsten zum Ausdruck. Dass Zhao dann auch in ihrer Funktion als Produzentin für den "Besten Film" auf die Bühne musste und dass Frances McDormand auch als beste Schauspielerin für "Nomadland" geehrte wurde, war dann nur mehr die Realisierung dessen, was ohnehin erwartet worden war. Immerhin: Österreichs Neo-Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein hat vielleicht einen neuen Trend losgetreten, als er zu seiner Angelobung vorige Woche in Turnschuhen erschien. Auch Chloé Zhao holte sich in Sneakers ihren Oscar ab.

Roben zum Lachen

Das passt alles zum recht unglamourösen Gesamtbild dieser Gala: Schließlich gab es bloß einen Schmalspur-Teppich in Rot, für die allermeisten Roben der Damen hatte man eher Gelächter denn Staunen übrig. Die Bahnhofshalle der Union Station, wohin die Oscars dieses Jahr ausgewichen waren, wirkte in ihrer Schlichtheit zwar majestätisch, aber auch seltsam leer. Jeder Oscar-Gast, der persönlich vorbeikam, durfte nur eine Begleitperson mitbringen, die Corona-Maßnahmen verlangten auch Testungen und das Tragen von Masken, wenn die Kameras gerade nicht herschauten. Die Zusammenkunft wirkte in ihrem zum Kitsch zugespitzten Art-Deco-Dekor ein bisschen wie die allererste Oscar-Gala aus dem Jahr 1929, als man den Filmpreis in kleinem Rahmen im Hollywood Roosevelt Hotel in Los Angeles aus der Taufe hob. Man könnte also sagen: Der Oscar besann sich dieses Jahr optisch seiner Wurzeln, nur, dass es im Gegensatz zur ersten Verleihung keinerlei Speis und Trank und vollbesetzte runde Tische gab. Es ist halt Corona.

Aber auch andere Markenzeichen der Show fehlten gänzlich, und das hatte wohl nichts mit Corona zu tun: Bei den allermeisten Kategorien verzichtete die Academy darauf, Filmausschnitte einzuspielen, als die Nominierten vorgelesen wurden. Da es auch kein Orchester gab, das die Auftritte der Gewinner gewöhnlich bombastisch untermalt, dauerten die Dankesreden länger als üblich - schließlich war das Orchester sonst auch dazu da, den Leuten das Ende ihrer Redezeit zu signalisieren. So konnte Chloé Zhao sich umfassend zu "Nomadland" äußern und jenen modernen Nomaden danken, von denen ihr Film handelt: Sie hätten ihr "die Kraft der Belastbarkeit und Hoffnung beigebracht. Vielen Dank, dass ihr uns daran erinnert habt, wie wahre Güte aussieht."

Weniger weiße Männer

Immerhin sind die Oscars diesmal nicht im Verdacht gestanden, Farbige oder Frauen zu vernachlässigen. Noch vor wenigen Jahren kennzeichnete der Hashtag #OscarsSoWhite die Verleihung, als es fast ausschließlich weiße Nominierte gab. Heuer war das anders: So bekam die Südkoreanerin Yuh-Jung Youn den Oscar als beste Nebendarstellerin für das Familiendrama "Minari", und der schwarze Brite Daniel Kaluuya gewann mit seiner Rolle in der Filmbiografie "Judas and the Black Messiah" über die Ermordung eines schwarzen Bürgerrechtlers die Trophäe als bester Nebendarsteller. Zwei weitere Oscars - jene für Make-up/Frisur sowie Kostümdesign - gab es unter anderem für das Musikdrama "Ma Rainey’s Black Bottom" über die schwarze "Mutter des Blues".

Thomas Vinterberg. - © AFP
Thomas Vinterberg. - © AFP

Abwesend waren in den Dankesreden und auch sonst die Oscar-typischen politischen Kommentare, die oftmals zwischen den Zeilen erfolgen oder ganz direkt: Niemand beklagte den Rassismus in den USA, kein Wort zur Politik, und selbst Covid war kein Thema. Weil auch die nominierten Songs nicht live gespielt wurden (von denen am Ende "Fight for You" von H.E.R. aus "Judas and the Black Messiah" gewann), blieb die Preisverleihung ziemlich "nackert". Sie wirkte deshalb aber nicht kurzweiliger, sondern noch zäher als üblich. Eilig hatte man es hingegen bei der "In Memoriam"-Sektion, bei der manche Weltstars wie der verstorbene Michel Piccoli nur so kurz im Bild waren, dass man nicht einmal ihre Namen lesen konnte.

Sieger Hopkins kam nicht

Bei den übrigen Preisen gab es kaum Überraschungen: "Mank" über die Entstehung von "Citizen Kane" war mit zehn Nominierungen als Spitzenreiter ins Rennen gegangen, konnte aber nur in den Kategorien Kamera und Produktionsdesign gewinnen. Auch Jasmina Zbanics Kriegsdrama "Quo vadis, Aida?", eine österreichische Koproduktion, blieb ohne Preis: Als bester fremdsprachiger Film wurde erwartungsgemäß, aber unverdient Thomas Vinterbergs Trinkerfilm "Der Rausch" aus Dänemark prämiert. Disneys "Soul" wurde bester Animationsfilm, "Promising Young Woman" von Emerald Fennell gewann für das beste Drehbuch, "The Father" für das beste adaptierte Drehbuch.

Die größten Überraschungen gab es gegen Ende der Show: Einmal, weil die Veranstalter die normalerweise finale Kategorie "Bester Film" vorzogen und dafür danach erst die beiden Schauspieler-Preise verliehen, und außerdem, weil nicht wie erwartet Chadwick Boseman posthum den Oscar für "Ma Rainey’s Black Bottom" erhielt, sondern Anthony Hopkins in "The Father". Der 83-jährige Hopkins war gar nicht erst anwesend und die Gala dann ungewöhnlich abrupt und ohne Verabschiedung zu Ende. Nicht gerade oscarverdächtig.