Die Stimmung in der Kinobranche ist gedämpft. Zwar begrüßt man grundsätzlich die Möglichkeit, die Lichtspielhäuser mit 19. Mai im Rahmen der Corona-Lockerungen wieder öffnen zu dürfen, jedoch ist es gerade bei den Kinos anders als bei Museen, Theatern oder Konzerten, weil dort andere Voraussetzungen herrschen. Christian Dörfler, Betreiber des Wiener Haydn-Kinos und außerdem Branchensprecher bei der WKO, kennt die Herausforderung: "Einerseits muss man mit einer kleineren Saalbelegung kalkulieren, andererseits ist es fraglich, ob eine Öffnung der Kinos wirtschaftlich vertretbar ist, solange es in Deutschland keine offenen Kinos gibt." Der Hintergrund: Kaum ein Teilmarkt in Kunst oder Unterhaltung ist dermaßen abhängig vom großen deutschen Nachbarn wie die Kinos. Denn erstens lassen es die Rechtevereinbarungen der meisten Kinofilme, die heimische Filmverleiher erwerben, nicht zu, dass ein kleines Land wie Österreich Filme "auf eigene Faust" startet. Ziel ist hierbei immer ein flächendeckender Filmstart im gesamten deutschen Sprachraum, vor allem für hochpreisige, weil prestigeträchtige Filmtitel. Ohne Deutschland läuft hierzulande also nichts.

Stammpublikum ungeduldig

Zweitens sind auch deutsche Produktionen vom Kinostopp betroffen, insbesondere Komödien, die viel Publikum anlocken. Diese starten ebenfalls nicht nur in einem kleinen Teilmarkt wie Österreich. Zwar gibt es Ausnahmen, aber die Regel ist wohl: "Uns fehlen schlicht die Filme", sagt etwa Alexander Krammer, Sprecher der Salzburger Kinos und Betreiber des Mozartkinos. Man müsse abwarten, welche Kinos "auch wirklich im Mai öffnen werden". Eine, die es gar nicht mehr erwarten kann, aufzusperren, ist die Betreiberin des Wiener Admiralkinos, Michaela Englert: "Wir spüren, dass es bei unserem Stammpublikum ein enormes Verlangen danach gibt, endlich wieder ins Kino zu gehen." Gerade als kleines Ein-Saal-Kino habe man die Möglichkeit, auch ältere Filme ins Programm zu heben. "Ich weiß, dass uns das Publikum am liebsten schon die Türe einrennen würde", formuliert es Englert überspitzt.

Gerade im Bereich der Programm- und Arthaus-Kinos ließe sich die Filmauswahl ohne weiteres aus Filmen zusammenstellen, die kurz vor dem Lockdown angelaufen waren und kaum Zeit hatten, ein Publikum zu finden. "Davon gibt es mehr als genug Titel", ist Englert überzeugt. Auch das Wiener Votivkino will aus genau diesem Grund gleich am 19. Mai aufsperren. Man werde Wiederaufführungen und Spezialprogramme zeigen, so Votivkino-Chef Michael Stejskal. "Neue Filme fehlen uns trotzdem", so Stejskal.

Nicht alle kleinen Kinos freuen sich auf die Öffnungsmöglichkeit: Das Kino Gröbming, das letzte Programmkino im Ennstal, bleibt auch nach dem 19. Mai geschlossen, wie die Betreiber auf Facebook informierten: Das Filmangebot sei "zu beschränkt, um ein ausgewogenes und aktuelles Programm zu erstellen, das unserer Zielgruppe und unseren Ansprüchen entspricht". Und: "Mit Maskenpflicht und dem vorgeschriebenen Mindestabstand entfernt sich ein Kinobesuch zu sehr von dem sozialen Erlebnis, das wir bieten möchten." Auch die Verunmöglichung, Popcorn oder "ein gutes Glas Wein" zu reichen, verleide vielen den Kinobesuch. Und außerdem "steht der Sommer vor der Tür", eine ohnehin harte Zeit für entlegenere Programmkinos.

Abwarten beim Marktführer

Und die Großen? Beim Marktführer Cineplexx ist man erfreut über die Aussicht auf Öffnung, bleibt aber abwartend: Denn hier fehlt es an den nötigen Blockbustern. Titel wie "Fast & Furious 9", "Black Widow" oder der neue James-Bond-Film starten aus Prinzip nur weltweit gleichzeitig, wegen der ungeheuren Marketingkosten und aus Angst vor Piraterie. Von weltweiten Starts kann gegenwärtig jedoch keine Rede sein, weshalb man bei Cineplexx die Lage erst mit den internationalen Studios ausloten will. Als man während der Lockerungen in Vorarlberg kürzlich das Cineplexx in Hohenems aufsperrte, währte die Freude nur kurz: Wenige Tage später wurde das Kino wieder dichtgemacht, weil die Besucher ausblieben. Was wiederum am beschränkten Filmangebot liegt. So lässt es sich jedenfalls kaum ordentlich wirtschaften.

Die Sondersituation der Kinos im Kulturbetrieb trifft auch die Filmfestivals. Viele wurden verschoben und überlegen nun überhaupt eine Verlegung an die frische Luft: Die Berlinale, geplant für 9. bis 20. Juni, disponiert wegen des neuen Infektionsschutzgesetztes der deutschen Regierung um und prüft Open-Air-Vorführungen. Noch offen ist, ob und wie sich die Diagonale in Graz, verlegt auf 8. bis 13. Juni, der Situation wird anpassen müssen.