Milo ist ein digitaler Assistent. So einer, wie wir ihn vom Navi im Auto kennen, oder noch besser: Von Siri und Alexa, den beiden Damen, die uns allerlei Wissenswertes vermitteln oder uns auf Zuruf unsere Lieblingsmusik vorspielen können. Manchmal sagen sie aber auch Dinge wie: "Diese Frage habe ich nicht verstanden". Oder: "Dazu fällt mir gerade nichts ein". Sie treiben einen dann zur Weißglut, man schimpft sie, man flucht, man würde sie am liebsten aus dem Fenster...

Auch Dr. Elizabeth Hansen (Mélanie Laurent) hat so einen digitalen Assistenten. Der heißt eben Milo und trägt im französischen Original der Netflix-Produktion "Oxygen" mit der charmanten Stimme von Mathieu Amalric dick auf. Aber was wir hier sehen, ist keineswegs eine Komödie, wie man vermuten könnte. Sondern ein durchaus ernst gemeintes Sci-Fi-Abenteuer, das sich dem Zuschauer erst nach und nach erschließt. Man braucht dazu ein wenig Geduld und sollte sich von der Hitchcock’schen Vorstellung von Suspense verabschieden: Dort ist es nämlich die Bombe unter dem Tisch, die der Zuschauer bereits wahrnimmt, aber die Menschen, die rund um den Tisch sitzen, noch nicht. Daraus entsteht Spannung, denn als Zuschauer will man den Protagonisten ja zurufen: "Lauft weg, da unter dem Tisch steht ein Koffer mit einer Bombe drin!"

Gefangen in der Kapsel

In "Oxygen" des französischen Horror-Experten Alexandre Aja hingegen weiß der Zuschauer nie mehr als die Protagonistin selbst. Es ist ein Film um eine Person in einer Kapsel, umgeben von High-Tech-Computern, aber mit zu wenig Platz, um diese zu bedienen. Die Kapsel misst gerade ein wenig mehr als die Körpermaße, die Person darin scheint auf einer Reise zu sein, sie erwacht aus einem Tiefschlaf und erinnert sich - an nichts. Diese "Kyrokapsel" soll die junge Frau, von der wir bald erfahren, dass es die Nobelpreisträgerin und Wissenschaftlerin Elizabeth Hansen ist, an einen weit entfernten Ort bringen; den Grund hierfür verraten wir nicht, auch die weiteren Umstände bergen zu viele Spoiler.

Aber so viel darf gesagt werden: Wie so oft in den Filmproduktionen, die während der Pandemie auf den Streaming-Portalen erscheinen, geht es wie selbstverständlich um eine Form von Apokalypse, als hätte das reale Leben nicht schon genug davon zu bieten. Elizabeth, die sich bald daran erinnern kann, einmal einen Gatten namens Leo gehabt zu haben, mit dem sie Kinder bekommen wollte, geht langsam der Sauerstoff in der Kapsel aus. Zu Beginn des Films sind es noch 34 Prozent Vorrat, doch dieser Wert sinkt schneller, je mehr die junge Frau hyperventiliert. Dazwischen telefoniert sie mit der Polizei und dann mit einer älteren Dame. Und alle sagen ihr, dass man sie bald retten würde. Immer, wenn sie sich ob der klaustrophobischen Enge besonders aufregt, meldet sich Milo zuvorkommend und fragt: "Wünschen Sie ein Beruhigungsmittel?" Nein, das ist immer noch keine Komödie.

Der digitale Assistent

Der Film, der nur in einer Box spielt und im Wesentlichen aus dem intensiven Spiel von Mélanie Laurent besteht, die das Gefühl des Eingesperrtseins sehr glaubwürdig transportiert, ist wie eine High-Tech-Version des spanischen Thrillers "Buried - Lebend begraben", in dem Ryan Reynolds in einem stockdunklen Sarg unter Tage erwacht und in Panik gerät. Nur, dass diesmal Assistent Milo dabei behilflich ist, die Fragen von Elizabeth zu beantworten - was nicht immer Vertrauen bildet: "Wie lange lebe ich, wenn der Sauerstoff zu Ende geht?", fragt sie. "Zwischen zwei und drei Minuten", antwortet Milo. Er sagt das mit der gleichen Güte wie "Wünschen Sie ein Beruhigungsmittel?" Es ist immer noch keine Komödie.

Aber vielleicht genau deshalb ist "Oxygen" ein lohnendes Endzeitdrama: Neben dem Puzzle, das man sich als Zuschauer erst häppchenweise selbst zusammensetzen muss (das an manchen Stellen aber auch recht vorhersehbar ist), persifliert der Film vor allem unsere Abhängigkeit von modernen Computer- und Kommunikationssystemen, und auch den Umgang mit künstlicher Intelligenz, die zumindest bisher niemals gescheiter sein kann als die, die sie programmiert haben. Und so ist das High-Tech-Begrabensein von Elizabeth auch ein Spiegel für unsere Abhängigkeit von einer Technik, die genauso fehleranfällig sind wie wir Menschen. Und die nur austricksen kann, wer gelernt hat, alles dafür zu tun, um dieses Leben zu überleben.