Wie Amy Adams, bewaffnet mit ihrer Spiegelreflexkamera, da aus ihrem Wohnzimmer auf die Straße zu den Nachbarn hinüber späht, das ist für Hitchcock-Fans schon ein ganz hübsches Zitat. Überhaupt ist "The Woman in the Window" dramatisch angelehnt an "Das Fenster zum Hof", zumindest, was das Setting, das Dekor und die Lichtsetzung anbelangt. Aber sonst ist der Film von Regisseur Joe Wright doch eher ein Hitchcock-Zitat und kein wirkliches Imitat, das wäre auch völlig deplatziert.

Die Geschichte dreht sich um die New Yorker Psychologin Anna Fox (Adams), die ihren Job allerdings nicht mehr ausübt, seit sie aufgrund ihrer starken Agoraphobie ihr Haus nicht mehr verlassen kann. Sie ist in Behandlung, nimmt starke Medikamente gegen ihre Panikstörungen, therapiert sich allerdings auch gerne selbst, mit der einen oder anderen Flasche Wein, die sie nächtens trinkt. Unter dem Einfluss dieses Cocktails beobachtet sie gerne ihre Nachbarn, die dankenswerterweise allesamt keine Vorhänge haben, was Joe Wright das Inszenieren ungemein erleichtert.

Der Blick in die Nachbarschaft ist frei, und so sieht Anna allerlei Auffälliges. Zum Beispiel, als mit Alistair (Gary Oldman) und Jane Russell (Julianne Moore) eine neue Familie ins Haus gegenüber einzieht. Der gemeinsame Sohn Ethan (Fred Hechinger) wird bei Anna schnell vorstellig, er scheint ein netter Kerl zu sein, doch irgendetwas stimmt hier nicht, davon ist Anna überzeugt. Sind es die Streitigkeiten zwischen den Eheleuten, die Anna so beunruhigen?

Als sie eines Abends ein Gewaltverbrechen beobachtet und die Polizei alarmiert, will ihr niemand so recht Glauben schenken, denn Anna steht eben unter dem Einfluss starker Medikamente. Was wirklich geschehen ist, das dringt erst nach und nach in das Bewusstsein von Anna und des Publikums.

Gruseliges Kammerspiel

Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von A.J. Finn aus dem Jahr 2017 hat Joe Wright mit "The Woman in the Window" ein Grusel-Kammerspiel umgesetzt, das in manchen Szenen durchaus geschickt mit Zitaten aus der Filmgeschichte hantiert; wenn Anna auf Google nach ihrer Nachbarin Jane Russell sucht, dann findet sie zunächst nur den Filmstar Jane Russell, eine Hollywood-Legende.

Dann und wann blitzen Szenen aus Hitchcock-Filmen auf ihrem Fernseher auf, und man spürt die Lust von Wright, sich auf diesem Pfad zu verlieren. Doch diese Gelegenheit hat er nicht, denn Wright muss genrekonform abliefern, was das Publikum erwartet. So sind die eingesetzten Schockeffekte zwar effektiv, aber letztlich unnötig. Zu vertiefen, welche Bilder hier real sind und welche der Einbildung Annas entstammen, wäre ein psychologisches Spiel gewesen, das Wright aber nicht spielt. Stattdessen verliert der Film ab der Mitte an Spannung, und driftet im Showdown zu einem billigen Splatter-Horrorfilm ab, der unter anderem eine Gartenkralle involviert, um zu schockieren. Immerhin: Das Ensemble ist spielfreudig und verleiht dem Film mehr Qualität, als er vom Skript her eigentlich besitzt.