Man hat oftmals gute Lust, dieser Frau unter die Arme zu greifen, die sich in "Nomadland" von Regisseurin Chloé Zhao tagein, tagaus müht, über die Runden zu kommen. Wie sie sich die Reparatur ihres Vans, in dem sie lebt, irgendwie organisieren muss, weil er streikt. Wie sie für einen Hungerlohn einen Gelegenheitsjob nach dem anderen annimmt, damit sie den eigenen Stolz wahren kann, von nichts und niemanden abhängig zu sein. Wie sie ihre Notdurft in der chemischen Toilette ihres Vans verrichtet, weil so viel Autarkie eben auch Einschränkungen mit sich bringt. Diese Frau heißt Fern, gespielt von der wie meist souveränen Frances McDormand, und der Film, der von ihr erzählt, hat heuer drei Oscars gewonnen, in den wichtigsten Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin. Vor allem der Regie-Oscar schrieb Filmgeschichte, denn die US-Chinesin Chloé Zhao ist gerade einmal 38 und außerdem die erst zweite Frau nach Kathryn Bigelow, die in dieser Kategorie gewinnen konnte. Was viel aussagt über die jahrzehntelang von alten, weißen Männern geführte Oscar-Academy.

Regredierte Weltmacht

Im Prinzip ist "Nomadland" in seinem Facettenreichtum (man könnte auch sagen: in seiner fragmentarischen Anordnung von sozialer Tristesse) ein Film über jene Gruppe von weißen Männern geworden, die die USA so lange regiert haben; der letzte von ihnen, von dem die Welt Kenntnis bekam, war der aus dem Amt des US-Präsidenten gejagte Donald Trump. Sein "Trumpism" hat die USA verändert, die Weltmacht ist regrediert zu einem Status, wie er in den 50ern und 60ern vielleicht als modern galt. Repressionen, Rassismus, Armut, Arbeitslosigkeit - allesamt nicht allein Trumps Verschulden, das ist klar. Aber es sind die Kennzeichen eines Scheiterns, die seit Jahrzehnten existieren und unter die Trump letztlich seine Unterschrift gesetzt hat.

Chloé Zhao mit ihren beiden Oscars. - © Matt Petit / A.M.P.A.S.
Chloé Zhao mit ihren beiden Oscars. - © Matt Petit / A.M.P.A.S.

Chloé Zhao fand für diesen Film der Stunde, eine Reflexion über das Gegenwartsamerika, die richtigen Bilder; lange suchen musste sie dafür wohl nicht. Denn der Zustand der sozial schwachen Bevölkerungsgruppen ist fatal, das moderne Nomadentum, das auch Heldin Fern (er)lebt, ist für viele Amerikaner bitterer Lebensalltag. Doch anstatt in völlige Tristesse abzugleiten, zeigt Zhao etwas Uramerikanisches: Sie findet in all dem das Positive. Menschen, die in ihren Autos leben, die lange schon keine Perspektiven mehr haben, stehen hier zusammen und versuchen, das Beste draus zu machen. Fern, die ihren Mann und ihr Haus verloren hat, ist sozial gestrandet an den Highways dieses Landes, aber unterkriegen lässt sie sich nicht. Sie erduldet das, was ihr passiert. Sie lässt aber auch Freuden zu, selbst, wenn es kleine Freuden sind. Sie blickt ausnahmslos nach vorn.

Unterwegs trifft sie Fremde, die zu Freunden werden, Menschen, die ähnliche Schicksale leben. Und Fern mittendrin, stets betonend, dass sie ja gar nicht obdachlos sei, solange ihr der Van den Kopf vom Regen trocken hält. Außerdem beginnt sie, diese Form der Ungebundenheit, diese Freiheit, zu lieben. Und: Sie behält immer ihre Würde.

Zhao hat mit "Nomadland" nicht nur eine filmisch höchst stimmige Abbildung amerikanischer Wirklichkeit vorgelegt, sondern darin auch weibliche Lebensrealitäten abgebildet, die es sonst kaum im Kino zu sehen gibt - schon gar nicht in Filmen US-amerikanischer Provenienz.

Poesie und starke Frauen

Zhao hat das richtige Gespür für Zwischenmenschliches und für die Themen, die Amerika umtreiben. Natürlich steht und fällt die Qualität eines solchen Films mit seiner Hauptdarstellerin: Frances McDormand ist als heimatlose Nomadin ganz ausgezeichnet. Sie legt jede Eitelkeit ab und ist der Prototyp einer neuen "starken Frau" im Kino, die sich fernab jeglicher Konventionen und zurückgeworfen auf sich selbst in der Welt durchsetzen muss, egal, von wem diese dominiert wird: Männer, Frauen - alle können zum Feind werden.

"Nomadland" ist ein mit viel Poesie erzähltes Drama um eine Frau, die versucht, ihre Perspektiven zu wahren, obwohl sie längst jede verloren hat. Der Blick auf Amerika ist angenehm unamerikanisch, und zugleich auch nicht: Die Botschaft vom Zusammenstehen unter widrigen Umständen, die kennen die Amerikaner aus der Vergangenheit nur allzu gut.