Die Praxis ist inzwischen gut eingespielt: Disney (und auch das Studio Warner Bros.) bringt seit Beginn der Pandemie mit schöner Regelmäßigkeit hauseigene Blockbuster nicht mehr zuerst in den Kinos heraus, da deren Öffnungszeiten durchaus unsicher sind. Stattdessen pusht man den "Content" auf hauseigenen Streaming-Plattformen wie Disney+ oder HBO Max.

So ist das auch mit Disneys neuestem potenziellen Filmhit "Cruella". Darin wird sozusagen die Vorgeschichte des Disney-Trickfilmklassikers "101 Dalmatiner" (1961) erzählt. Cruella de Vil, die Bösewichtin des Trickfilms, die den Dalmatinern das Fell abziehen will, um daraus einen Mantel zu kreieren, ist hier der Gegenstand eines "Origin Movies", der die Ursprünge der Figur nachzeichnet. Als kleines Mädchen schon war Cruella eine ungezogene Göre, hatte zwei Gesichter in sich: das schwarze und das weiße. Die Frisur war entsprechend zweigeteilt, doch ihre Mutter hat sie gelehrt, die Contenance zu bewahren und die böse Cruella wegzusperren, auf dass sie ein anständiges Leben führen könne. Mit ihrem eigentlichen Namen: Estella.

Haute Couture

Gut und Böse in einer Figur, das ist nichts Neues in differenziert agierender Filmdramaturgie, aber im Schwarz-Weiß-Universum des US-Mainstreamkinos ist es doch, sagen wir, eher die Ausnahme. Umso erfrischender wirkt "Cruella", denn hier stoßen die geschundenen und darob böse gewordenen Bösewichter aufeinander, die ihre Leiden in verrotztem, verronnenem Make-up zeigen und - wie im Fall von "Cruella" - das ganze in bestmöglichem Dekor und Tuch verhüllen: Estella ist nämlich modisch begabt und heuert nach dem gewaltsamen Tod der Mutter als Putzfrau in einem Modehaus an, das der Baroness (Emma Thompson) gehört. Estella, gespielt von Emma Stone, ist hier bereits hin- und hergerissen von der Gut-und-Böse-Mischung, die in ihr steckt, aber: Lange wird es nicht mehr dauern, bis sie sich von der gedemütigten Putzfrau zur noch mehr gedemütigten Modeassistentin hocharbeitet, in einem Haute-Couture-Imperium der unglaublich egomanischen Inhaberin, von Thompson mit großer Hingabe und Präzision gespielt.

Das alles im Setting eines London der 1970er Jahre, vollgestopft mit Punk Rock, Beatles, Stones und weiteren lässigen Tracks, hat durchaus Kultpotenzial. Denn Disney wagt damit die Neuinterpretation seiner eigenen Klassiker hin zu reiferen Franchises, aus denen sich Figuren für weitere Sequels anbieten. Erwachsener wird man dadurch auch, obwohl die Vorlagen eigentlich "Kinderkram" sind. Es ist, mit Verlaub, die verdeckte Erweiterung der immer gleichen Erzählungen, ohne dass es jemandem auffällt. Oder, um es anders zu formulieren: Spin-offs zu vorhandenen Geschichten, die neue Twists bergen und dabei ganz nebenbei bekannte Genres variieren. So ist "Cruella" zuallererst ein Heist Movie, also eigentlich ein Verbrecherfilm, in dem Raubüberfälle begangen werden. Spätestens ab dem Zeitpunkt, ab dem Estella endgültig zu ihrem bösen Alter Ego Cruella wird und sie in Opposition zur Baroness geht, wird auch das Action-Moment bedient. Es gibt fortan coole Modeschauen (weil Cruella als Konkurrentin der Baroness plötzlich alle Aufmerksamkeit für ihre Entwürfe auf sich zieht), kleine und größere Verbrechen (wie das Stehlen von Dalmatinern, die einen wichtigen roten Diamanten gefressen haben), bis hin zu einem sensationellen Auftritt, bei dem Cruella aus einem Müllwagen auf den roten Teppich einer Show gekippt wird, nur illustrierend, dass der ganze Müllhaufen um sie herum schließlich zu einer endlos langen Schleppe eines Superkleids wird. Optisch umwerfend.

Ein Feuerwerk der Mode

Natürlich ist "Cruella" voll von solchen Schauwerten, schließlich geht es um Mode. Da scheut Regisseur Craig Gillespie keine Kosten und Mühen, er investiert in Make-up und Design mehr als in Story und Storytelling. Das führt mitunter zu Durchhängern in seiner Dramaturgie, aber das verzeiht man diesem Film, weil er einfach so gut aussieht. Das Feuerwerk aus modischen Einfällen, und die opulente Kameraarbeit von Nicolas Karakatsanis verzaubern; das Disney-Prinzip greift also, selbst am Heimbildschirm mit Disney+-Abo und 21,99 Euro Aufpreis, den der Film kostet. Alternativ kann er ab 18. Juni auch in den Kinos bestaunt werden. Spannend wird, ob das Disney+-Prinzip von der gleichzeitigen oder früheren Online-Veröffentlichung der Filme sich nun erstmals seit Beginn der Pandemie auch in Zahlen wird messen lassen. In Zahlen an der Kinokasse. Das Match zwischen Kino und Streaming ist nun also in einem neuen Stadium angekommen.

Indes fällt auch auf, dass Disney immer wieder tief in die Trickkiste greift, wenn man Variationen des eigenen Oeuvres kredenzt: Schon in "Maleficient" war Angelina Jolie als Live-Action-Bösewichtin die Anti-Heldin eines Kinofilms. Wird das Böse also langsam salonfähig, sogar im Hollywood-Blockbuster?

Emma Stone tritt hier jedenfalls in bereits ganz gut ausgeformte Fußstapfen: Sie erinnert als Cruella mimisch oft an Michelle Pfeiffer, wie sie sich 1992 in Tim Burtons "Batmans Rückkehr" ins enge Katzenkostüm von Catwoman zwängte. Genauso oft aber auch an die schrille Harlequin, und das, obwohl es zu "Cruella" nicht einmal eine Comic-Vorlage gibt. Dazu gesellen sich die Elemente, die man spätestens seit "Der Teufel trägt Prada" gerne in modeaffinen Kreisen zitiert: Eitelkeiten, Modezaren, Glamour, Glitzer und schillernde Extravaganza, untermalt vom entkrampftesten Soundtrack, den Disney jemals in Filmen ab 6 eingesetzt hat.

Man ist auf einem guten Weg, im Micky-Maus-Konzern ein neues Kapitel aufzuschlagen, wohl wissend, dass das Kinderpublikum auch einmal erwachsen wird: So sind die Helden zunehmend brüchiger in ihrer Moral, die Hinterlist hält Einzug in ihre Pläne und die Chuzpe wird zum Prinzip: "Cruella" ist ein bisschen wie "Ocean’s Eleven" mit jugendfrei und Stilschule. Aber frech.

Besetzung ist Trumpf

Dass hier Böse gegen Böse antritt, ist nur die logische Entwicklung einer diffuser werdenden Welt, die keinen Platz mehr hat für Schattierungen; was natürlich zu Lasten der Charaktertiefe geht, die in Hollywood generell stiefmütterlich behandelt wird. Und so sind auch Estellas Kompagnons Jasper (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) als Trickbetrüger bloß holzschnittartig gezeichnet, genau wie die Hauptfiguren Cruella und Baroness. Dank der hervorragenden Besetzung fällt diese Verflachung der Charaktere aber kaum auf, sie wird sogar zur wichtigsten Zutat des Films. Die Darsteller halten den von den modischen Oberflächlichkeiten zugemüllten Film bis zuletzt interessant.

Ob Disney auch künftig den Online-Release seiner Produktionen bevorzugen wird oder nicht: Das ist letztlich Nebensache, solange die Zuschauer bereit sind, dafür zu bezahlen. Bei "Cruella" liegen die Argumente auf dem Tisch: Noch nie war der Oscar 2022 für die besten Kostüme und das beste Make-up schon so klar wie hier. Bei aller Niedertracht unter den handelnden Personen im Film geht es hier immerhin um die schönen Dinge des Lebens: um Style, Chic, Eleganz. Und manchmal, das zeigt "Cruella" auch eindrucksvoll, kann einem ein gut geschnittenes Kleid auch das Leben retten.