Es sind hunderte, tausende Schicksale, die Regisseurin Anastasia Mikova zusammen mit Co-Regisseur und Altmeister Yann Arthus-Bertrand für ihren Film mit dem schlichten Titel "Woman" versammelt haben: Über 2.000 Frauen aus 50 verschiedenen Ländern kommen vor der Kamera zu Wort, darunter gibt es Regierungschefinnen und Sexarbeiterinnen ebenso wie Bäuerinnen, Schönheitsköniginnen und Busfahrerinnen. Die Vielfalt ist grenzenlos. Der Zweck der Übung: Frauen endlich Gehör zu schenken und dafür zu sorgen, dass sie nie wieder als "schwächeres Geschlecht" gesehen werden. Ein Gespräch mit der ukrainischstämmigen, in Paris lebenden Regisseurin über die Umsetzung dieses Ziels.

"Wiener Zeitung": Wie kam es zur Idee von "Woman"? Sie hatten mit Yann Arthus-Betrand bereits mehrfach zusammengearbeitet. Was macht diese Zusammenarbeit besonders?

Anastasia Mikova: Ich habe mit Yann "Die Erde von oben" gemacht und danach viele Jahre mit ihm gearbeitet. Unsere Filme spiegeln eine Entwicklung wider, denn der letzte gemeinsame Film vor "Woman" war "Human". Damals rief mich Yann an und sagte: "Ich möchte über die Menschheit sprechen und über das, was es bedeutet, heute ein Mensch zu sein." Das Resultat war mit "Human" ein Dokumentarfilm, der mein ganzes Leben verändert hat. So wie nach diesem Film habe ich die Welt zuvor noch nie gesehen. Menschen, die ich noch nie gesehen habe, erzählten mir ihre vertraulichsten und persönlichsten Dinge vor der Kamera, sie öffneten sich und offenbarten ihre intimsten Geheimnisse. Das auf der Leinwand zu sehen, hat mich fasziniert. Bei "Woman" wollten wir diesen Weg konsequent weiter beschreiten, indem wir uns speziell auf die Frauen und ihre Geschichten fokussierten. Denn schon beim Dreh von "Human" war klar, dass es da einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gab.

Anastasia Mikova zeigt Porträts von Frauen. - © polyfilm
Anastasia Mikova zeigt Porträts von Frauen. - © polyfilm

Inwiefern?

Männer haben vor unserer Kamera anders agiert als Frauen: Wenn wir in eine Stadt oder ein Dorf kamen, um das Projekt vorzustellen, stellten uns die Männer regelmäßig immer viele Fragen, aber die Frauen saßen meist nur da, hörten zu und waren misstrauisch. Sobald sie dann aber vor der Kamera saßen, schien es, als ob sie ihr ganzes Leben auf diesen Moment gewartet hatten. Sie haben diese Gelegenheit wirklich genutzt, um zu sagen: "Seht her, wir existieren und wir haben endlich eine Stimme."

Damit wird "Woman" auch beworben: Dass er Frauen unterschiedlichster Herkunft eine Stimme gibt.

Das ist bitter nötig, wie ich finde. Wir wollten mit dem Film herausfinden, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Egal, ob man in einem westlichen Industrieland lebt, in dem Wohlstand herrscht, oder in einem afrikanischen Land, wo es an vielem fehlt, oder einem asiatischen - quer durch die Mentalitäten der unterschiedlichsten Nationen, und bei all den Unterschieden, die es gibt, eint diese Frauen jedenfalls das Gefühl, als Frau zu leben und mit den gesellschaftlichen Repressionen unterschiedlichster Stärke konfrontiert zu sein. Diese Stimmung wollten wir einfangen.

Stilistisch bleiben Sie dem Prinzip treu, Menschen zentral vor der Kamera zu positionieren und die volle Aufmerksamkeit auf ihre Geschichten zu lenken.

Durch diese Fokussierung gelingt eine große Wahrhaftigkeit, finde ich. Wir haben verschiedene Einstellungen ausprobiert und festgestellt, dass dies die effizienteste Art ist, jemandem zuzuhören, wenn es um einen Kinofilm geht. Aber nicht immer ist die Sprache das Mittel der Wahl. Es gibt auch etliche Szenen, in denen Frauen singen, da es Dinge gibt, die sie nicht in Worte fassen, aber durch Musik ausdrücken können.

Sie haben als Journalistin beim französischen Fernsehen begonnen, und auch in diesem Film ist die journalistische Herangehensweise sichtbar. Was sagen Sie den Journalisten, die Sie bei den Interviews unterstützt haben?

Ich sagte allen: Wenn du mit einem Interview beginnst, muss die Frau vor dir ein unbeschriebenes Blatt für dich sein. Du weißt nicht, was auf diesem Blatt geschrieben wird. Beim gesamten Interview geht es darum, in das Innere dieser Person vorzudringen. Dabei geht es aber nicht darum, die Fakten ihres Lebens abzufragen, sondern wirklich darauf hinzuarbeiten, dass sie sich öffnet. Wir alle hatten ständig versucht, ein tieferes Verständnis darüber zu erlangen, wer unser jeweiliges Gegenüber ist. Damit fängt Wertschätzung übrigens an: dem Gegenüber zuzuhören.

Viele der Frauen, die Sie zeigen, sprechen über sehr komplexe Themen, Probleme und Sorgen. Was denken Sie: Wie wird es mit der Situation von Frauen weltweit weitergehen?

Ich habe große Hoffnung für die Zukunft. Ich habe in den Gesprächen sehr oft bemerkt, dass die Frauen nicht mehr auf ihre Chancen warten wollen. Wenn sie da sind, dann würden sie sie ergreifen, davon bin ich überzeugt, auch bei Frauen, die noch nie eine Chance im Leben hatten. Früher dachten wir: "Wenn wir warten, wird sich vielleicht etwas ändern. Wenn wir es nur etwas besser erklären, werden sich die Männer ändern." Doch heute sagen immer mehr Frauen: "Ich will nicht abwarten, sondern sofort eine Veränderung herbeiführen." Diese Einstellung macht mir Mut.