Sie wurde oftmals als Rockröhre bezeichnet, ihre Stimmgewalt betörte die einen und nervte die anderen, die eher wenig von Rock und R&B verstanden. Tina Turner, inzwischen schon 81 Jahre alt und wohnhaft in einer Villa auf den Hügeln am Zürichsee, bekommt mit der Doku "Tina" ein weiteres filmisches Denkmal, das ab kommendem Donnerstag in den Kinos zu sehen sein wird.

Es ist nicht die erste Auseinandersetzung mit ihrer Karriere, aber eine wichtige: Schon der Spielfilm "What’s Love Got to Do With It?" (1993) mit Angela Bassett in der Rolle der Sängerin thematisierte, wie Tina Turner an der Seite ihres Ehemanns Ike Turner zur R&B-Legende wurde, wie er sie jahrelang schwer misshandelte und wie sie schließlich den Ausstieg aus dieser zerstörerischen Beziehung schaffte, um hernach eine Karriere als Solo-Künstlerin zu starten - mit Welthits wie "Simply the Best", "We Don’t Need Another Hero", "Tonight" (mit David Bowie) oder "Steamy Windows". Tina Turner wurde nach den Erfolgs- und Prügel-Jahren an der Seite von Ike noch berühmter und galt ab den 1980er Jahren als die weibliche Rockinterpretin überhaupt.

Verfolgt von früher

"Tina Turner hat diesen Film mit uns gemacht, weil sie ihre bewegte Vergangenheit mit Ike bis heute verfolgt", erzählt Daniel Lindsay im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zusammen mit T. J. Martin führte er bei "Tina" Regie, traf die Rocklegende in ihrem Schweizer Domizil zu ausführlichen Interviews und versammelt im Film Anekdoten und Ereignisse, die zum Legendenstatus der Musikerin beigetragen haben. "Unsere Aufgabe war es, hier mit sehr viel Feingefühl vorzugehen und ihre Geschichte aufzuarbeiten, die ja in der Öffentlichkeit in einem bestimmten Narrativ gesehen wird", so Lindsay. "Jeder kennt die Geschichte von ihrer Ehe mit Ike, und doch gibt es Details, die immer noch einer Aufklärung harren."

Tina Turner willigte in die Dreharbeiten ein, obwohl sie der Meinung war, ohnehin schon alles gesagt zu haben, was ihre Vergangenheit im Showgeschäft angeht. "Sehr früh in unseren Interviews hatte sie es sich noch einmal anders überlegt und wollte das Projekt eigentlich beenden", sagt Co-Regisseur T. J. Martin. "Daher haben wir an diesem Punkt angesetzt und sie gefragt, was der Grund dafür war. Wir haben über ihre posttraumatische Belastungsstörung gesprochen. Und dann hat sie die Frage formuliert, wie man einen Schlussstrich macht und sich zurückzieht." Die Gewaltjahre an der Seite von Ike, sie arbeiten immer noch in Tina Turner, dieser scheinbar so starken Frau, die auf der Bühne stets die Sau rauslassen konnte. Und von vielen Fans dafür bis heute verehrt wird. Ihre Musik und ihre Shows, sie stehen als Anker für die Doku im Zenturm des Films, und man bekommt ausführlich Gelegenheit, sich darin zu verlieren. Aber da ist eben auch noch ihr Privatleben: einerseits die Trennung von Ike, andererseits ihr langjähriger Lebenspartner und nunmehriger Ehemann Erwin Bach, der als Musikproduzent maßgeblich an Tinas Karriere beteiligt war.

Authentisch erzählen

"Tina Turner hat in dem Film die Gelegenheit gesehen, ihre Geschichte auf eine ganz eigene, authentische Art noch einmal zu erzählen. Ihr und ihrem Mann gefiel offenbar unsere Herangehensweise, dass man den Popstar Tina vom Menschen Tina nicht trennen kann und dass man den einen nur verstehen kann, wenn man auch den anderen versteht", sagt Lindsay. Was dazu geführt hat, dass Tina Turner sich geöffnet hat: "Sie steht im Guiness Buch der Rekorde, weil sie einmal vor 188.000 Zuschauern auftrat - das ist die größte Zuschauerzahl, die je ein Solokünstler an einem Abend erreicht hat. Aber das ist nur die eine Seite von Tina", so T. J. Martin. "An der anderen Seite hat sie uns teilhaben lassen und uns ihre innersten Kämpfe und einige ihrer persönlichsten Momente erzählt."

Darüber hinaus ist der Einfluss der Sängerin auf die Popwelt unbestritten, wie auch der Film zeigt: "Oprah Winfrey hat gesagt, es gäbe keine Beyoncé ohne Tina. Sie hat so viele Künstler inspiriert", sagt Lindsay. "Sie soll sogar Mick Jagger das Tanzen beigebracht haben!" Das ist wahrlich ein Verdienst.