Wenn jemand wie Viggo Mortensen das erste Mal Regie führt, dann ist das genauso nervenaufreibend wie für jeden anderen Debütanten. Sagt Mortensen zumindest im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Da hat er nämlich zugegeben, wie intensiv die Arbeit eines Regisseurs sein kann, vor allem, wenn dazu noch die Doppelbelastung kommt, gleichzeitig auch vor der Kamera die Hauptrolle zu spielen. In dem Drama "Falling" (ab 11. Juni im Kino) ist genau das der Fall: Der dänische Schauspielstar erzählt darin von einer sehr privaten, intimen Familiengeschichte. Es geht um ein Vater-Sohn-Verhältnis: John (Viggo Mortensen) lebt mit der Wut seines Vaters, seit er denken kann. Weil John offen homosexuell lebt, ist der Vater zutiefst gekränkt und schockiert. So schockiert, dass er seinen Sohn einst schon mal "umerziehen" wollte. Im Erwachsenenalter hat sich John zunehmend vom Rollenbild des Vaters distanziert, doch jetzt, wo der Vater dement wird, brechen aus ihm viele, lange zurückliegende Ereignisse und Erinnerungen hervor.

"Wiener Zeitung": Mr. Mortensen, wie persönlich ist diese Geschichte in Bezug auf Ihre eigene Familie?

Viggo Mortensen: Ich begann, diese Geschichte zu schreiben, nachdem meine Mutter gestorben war. Sie litt etliche Jahre an Demenz und starb 2015. Mein Vater, der zwei Jahre nach ihr starb, litt damals ebenfalls unter beginnender Demenz. Ich versuchte, alles aufzuschreiben, woran ich mich erinnerte, in Bezug auf meine Mutter, auf meine Jugend. Kleine Schnipsel und Geschichten, Anekdoten aus der Jugend, die jede für sich noch keine Geschichte ergaben, in Summe aber schnell zu einer Art Familienchronik wurden, die sich sehr wohl als Drehbuch erzählen ließ. Ich habe für das Drehbuch die Handlung aber verändert, habe das meiste in einen fiktionalen Rahmen gesteckt, anstatt es autobiografisch zu machen. Das hat den Vorteil, dass man viel freier mit den Geschichten umgehen kann, und zugleich stellte ich sicher, dass in dem Film vor allem die Gefühle und Gerüche, die Bilder und Momente meiner Jugend zu spüren sind; und so kann ich in diesem vollständig erfundenen Film dennoch meine eigene Seele spüren.

Vater-Sohn-Konflikt: Dad hält die offen gelebte Homosexualität seines Sohnes nicht aus und wendet sich von ihm ab. - © Filmladen
Vater-Sohn-Konflikt: Dad hält die offen gelebte Homosexualität seines Sohnes nicht aus und wendet sich von ihm ab. - © Filmladen

Was erzählt "Falling" über die Familie und ihren Stellenwert für die Gesellschaft?

Ich glaube, der Film zeigt sehr gut, wie wichtig die richtige Kommunikation in einer Familie ist, ja, in jeder Beziehung! Man kann das Maß an schlechter Kommunikation hernehmen und sehen, wie es sich negativ auswirkt auf eine Familie - und genauso auf die Gesellschaft.

Der homosexuelle Aspekt der Geschichte zeigt, dass die ältere Generation mit Homosexualität überhaupt nicht umgehen kann, während die Jungen sich da bedeutend leichter tun.

Die homosexuelle Thematik fand ganz organisch in den Film, als ich ihn schrieb. Ich dachte: Warum sollte die Hauptfigur anstatt einer Ehefrau nicht einen Ehemann haben? Ich war von der Idee überrascht und probierte sie aus. Das war nicht geplant, aber fühlte sich gut an. Das kreierte gleich eine ganz neue Ebene an Geschichten, und ich mag es als Zuschauer, wenn man diese Ebenen schrittweise freilegen kann, Stück für Stück. Ich mag es nicht, wenn mir Regisseure vorgeben, was ich zu denken und zu fühlen habe. Der Film dreht sich eigentlich nicht um die sexuelle Orientierung, sondern viel mehr um das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Familie, in der man einander zuhört und einander respektiert. Dass es die hier nur zum Teil gibt und auf der anderen Seite eine autoritäre Vaterfigur steht, der man sich unterzuordnen hat, daraus bezieht der Film seine Dramaturgie.

Half Ihnen der Name Viggo Mortensen dabei, ins Regiefach zu wechseln?

Es war ein langer Weg, diesen Film zu finanzieren. Man sollte meinen, dass der Name auf dem Plakat schon die halbe Miete ist, aber das täuscht. Ich habe schon einmal versucht, einen Film zu machen, das ist über 20 Jahre her, doch damals konnte ich das Geld nicht aufstellen. Jetzt ist es mir gelungen, aber mit Schwierigkeiten: Ich hatte bereits das Geld zusammen, als einer der Geldgeber es sich plötzlich noch einmal anders überlegte und ausstieg. Dann musste ich wieder von vorne beginnen. Das ist verdammt anstrengend. Und nur, weil man einen bekannten Namen hat, wird es deshalb keineswegs leichter, zeigt meine Erfahrung. Das ist ein Klischee, das sich sehr hartnäckig hält.

Und künstlerisch?

Der Prozess zum Regiesessel war ein langwieriger. Ich habe mich in den letzten Jahren immer sehr nah beim jeweiligen Regisseur meiner Filme aufgehalten, um ihm über die Schulter zu schauen und zu lernen, wie man so eine Aufgabe stemmen kann. Diese Praxis ist sehr wichtig für mich, genau wie die Einblicke, die ich sammelte, als ich auch beim Schnitt, bei der Kamerabesprechung und so fort anwesend war. An einem gewissen Punkt wusste ich, dass ich nun genug Erfahrung gesammelt hatte, um es selbst zu versuchen.

War es von Vorteil, als Schauspieler andere Schauspieler anzuleiten?

Ich glaube, die besten Schauspieler spielen nicht, sie reagieren. Wenn man Regie führt, dann achtet man auf jede Kleinigkeit: die Stimme, die Körperhaltung, das Licht einer Szene, die Kamera. Man muss alles im Blick haben - und man ist auch jemand, der reagiert auf das, was man sieht. Insofern sind Schauspieler und Regisseure in ähnlicher Weise am Prozess des Filmemachens beteiligt, wenn sie reagieren.

Mit der "Herr der Ringe"-Trilogie wurden Sie berühmt. Vor ein paar Jahren haben Sie sich jedoch abwertend darüber geäußert. Wieso?

Ich hatte damals gesagt, dass ich mir beim Dreh aufgrund des Chaos am Set niemals vorstellen hätte können, dass Teil zwei und drei jemals ins Kino kommen würden. Nun ja, es kam bekanntlich anders, und ich erntete einen Shitstorm. Es stimmt ja, dass ich das gesagt habe. Aber, wie das nun einmal so häufig passiert, wurde nur der Teil abgedruckt, der spektakulär klingt. Ohne Peter Jackson hätte ich nicht die Karriere machen können, die ich gemacht habe. Meine beiden Filme mit David Cronenberg zum Beispiel hätte es sicher nicht gegeben. Ich hätte nicht so viel Zeit bekommen, meine anderen Leidenschaften wie das Schreiben und das Malen auszuleben. Ich hätte mich mehr um meine Schauspielerei kümmern müssen, weil man mir bestimmt nicht die Gagen gezahlt hätte, die ich heute bekomme.

Seit wann gibt es diesen Wunsch bei Ihnen, Filme zu machen?

Meine Mutter nahm mich das erste Mal mit ins Kino, da war ich drei Jahre alt. Und ich erinnere mich an dieses Ereignis, es hat mich geprägt. Seit diesem Tag faszinieren mich Geschichten und wie man sie fürs Kino erzählen kann. Das klingt leidenschaftlich, und so ist es auch gemeint.