Mit "Fuchs im Bau" (ab 18. Juni im Kino) entführt Regisseur Arman T. Riahi in eine Welt, die vielen unbekannt sein dürfte: in eine Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft der ehrgeizige Lehrer Hannes Fuchs (Aleksandar Petrovic) auf die unkonventionelle Gefängnislehrerin Elisabeth Berger (Maria Hofstätter). Gemeinsam hält man die Untersuchungshäftlinge in Schach, bringt mit Kunstunterricht aber auch Entspannung in eine aufgeheizte Stimmung. "Fuchs im Bau", der schon den Regiepreis beim Max Ophüls-Festival in Saarbrücken erhielt, eröffnet heute, Dienstag, die Diagonale in Graz.

"Wiener Zeitung": Herr Riahi, wieso wollten Sie einen Film in einer Gefängnisschule drehen?

Arman T. Riahi: Mir ging dieser Film schon lange durch den Kopf. 2009, als ich für meinen Kurzfilm "Schwarzkopf" recherchierte, kam ich mit dem Gefängnismilieu in Kontakt und begann, mich für die Menschen, die dort unterrichten, zu interessieren. Zuvor war mir gar nicht bewusst, dass es so etwas wie eine Gefängnisschule überhaupt gibt. Für den Film war mir schnell klar, dass jeder einzelne Jugendliche, den ich zeige, eine eigene Geschichte haben sollte, eine Backstory. Die sind nicht bloß gecastet und ins Set gesetzt, sondern mussten sich mit dieser Backstory auch auseinandersetzen.

Arman T. Riahi. - © Golden Girls
Arman T. Riahi. - © Golden Girls

Wie gelang das?

Um authentisch zu sein, muss man das selbst erleben. Wir fanden eine aufgelassene Haftanstalt in Stockerau, die wir zum Drehort umbauten. Dieses Gefängnis hatte die richtige Patina für meine Zwecke, denn es ist etwas völlig anderes, wenn man an einem realen Schauplatz dreht, als wenn man das Ganze nur in einem Studio nachbaut. Das färbt auch auf das Spiel der Akteure durch. Ich hatte die Kids sogar einmal eingesperrt in den Zellen, also bitte nicht falsch verstehen: Sie wollten nachempfinden, wie dieses Gefühl ist, eingesperrt zu sein. Es gibt im Film auch Kids, die tatsächlich schon mal eingesessen sind, aber welche das sind, darf ich nicht verraten.

Ihr Debüt "Die Migrantigen" war eine Komödie, jetzt erzählen Sie sehr ernst. Was fällt leichter?

Eine Komödie ist ein Abenteuer, aber das Drama war es auch. Es half mir im aktuellen Fall, durch die Komödie schon zu wissen, wo ich dramaturgisch nicht hin muss. Es gibt auch in "Fuchs im Bau" dramaturgische Spitzen, die Witz und Humor haben, weil die Kids frech sind und der Knast nicht nur unlustig. Der Unterschied war: Ich blieb sehr viel näher am Drehbuch, bei den "Migrantigen" habe ich mehr experimentiert. Das liegt an den Anforderungen des Genres: Bei der Komödie muss es von Anfang an lustig zugehen, ein Drama muss jedoch nicht immer nur dramatisch sein. Beim Drama kann man schöner variieren, du kannst falsche Fährten legen, kannst am Ende alles zu einem schönen crescendo erheben. Die Komödie muss das Genre betonen, der Rhythmus ist anders.

Wie ist die Situation des Jugendstrafvollzugs in Österreich?

Beim Jugendvollzug gibt es viele, die noch Kinder sind, vielleicht 14 oder 16 Jahre alt. Die meisten sind irgendwie hineingestolpert und sind mit dem Gefängnisalltag überfordert. Gefängnisse machen Verbrecher, die Kids treffen dort nicht auf Gandhi. Sondern sie treffen andere Kids, die mit allen Wassern gewaschen sind. Das birgt Gefahren. Aber die meisten Kids checken, dass sie einen Fehler gemacht haben, und wollen ihr Leben auf die Reihe kriegen. Ich wäre für eine Reform des Jugendvollzugs in Österreich, denn viele dieser Kids gehören nicht hinter Gitter. Man kann das nicht pauschalieren, aber mit 14 ins Gefängnis zu kommen, das verstehen diese Kids nicht. Die Lage war besser, als es den Jugendgerichtshof noch gab, der von Schwarz-Blau abgeschafft wurde. Jetzt sind die Kids im selben Gefängnis untergebracht, wo auch Schwerverbrecher sitzen. Diese Umgebung härtet ab und stigmatisiert dich. Du bist ein Outlaw. Das bleibt bei vielen einfach hängen.

Die Figur des Herrn Fuchs, des neuen Lehrers, nimmt uns mit in diese Welt.

Deshalb habe ich den Film gemacht: Mir war wichtig, dass die Zuschauer mit dem Fuchs hineinwachsen können, in das Leben hinter Gittern. Am Beginn ist es nicht leicht, mit den Figuren in meinem Film zu sympathisieren, am Ende vielleicht schon.

Man sieht, dass Kunstunterricht im Strafvollzug ein wichtiges Ventil sein kann.

Wenn die Kinder malen, sind sie streichelweich. In den USA ist Kunstunterricht bei erwachsenen Häftlingen bereits Standard, weil das Malen total beruhigt und die Konflikte verringert, dazu gibt es Studien. Kunst macht Räume in den Köpfen der Jugendlichen auf.

Welchen Weg soll der Film nehmen? Zeigen Sie ihn auch in Gefängnissen?

Das steht definitiv auf dem Plan, ja. Das Ministerium empfiehlt "Fuchs im Bau" bereits zum Einsatz für pädagogische Zwecke. Wir haben offenbar sehr authentisch gearbeitet, Bewährungshilfeorganisationen wollen den Film auch einsetzen.

Wird es eigentlich einmal einen gemeinsamen Film von Ihnen und Ihrem Bruder Arash geben?

Wir arbeiten gerade daran: Arash und ich machen gemeinsam einen Spielfilm, in dem es um einen Hausbesorger in einem Gemeindebau gehen wird, der sehr reaktionär und rechts ist und der - als er in die Zwangspension geschickt wird - zu schrumpfen beginnt. Roland Düringer wird diese Rolle spielen, wir sind schon sehr gespannt darauf.

Wir auch! Was für ein Plot!

Ich versuche, immer das zu machen, was mich interessiert. Ich höre da auf meine Intuition und will nicht immer dasselbe machen. Das wäre nicht mein Bild von der Arbeit eines Regisseurs.