Das Thema Demenz ist schon seit einigen Jahren ins Zentrum der Wahrnehmung von Filmschaffenden geraten, auch, weil es gesellschaftlich ebenfalls stark präsent ist. Filme wie "Iris", "Still Alice" oder "The Roads Not Taken" bieten ihren Hauptdarstellern immer auch besondere darstellerische Herausforderungen, die später nicht selten in der Verleihung von Awards gipfeln. Jetzt hat auch der US-dänische Schauspieler Viggo Mortensen sein Demenz-Drama gedreht, es ist nicht nur ein Film mit ihm in einer der Hauptrollen, sondern Mortensen hat dabei erstmals auch selbst Regie geführt.

In "Falling" geht es um eine beschädigte Vater-Sohn-Beziehung, und diese speist sich aus sehr persönlichen Vorgängen, die sich in Mortensens Vergangenheit zugetragen haben. Diese persönliche Story, das betont der Regisseur ausdrücklich, steckt aber in einem fiktiven Kleid; wenig hier ist tatsächlich so geschehen in Viggo Mortensens Familie, und doch ist alles wahr; es geht Mortensen tatsächlich mehr um eine Stimmung als um die konkrete Erzählung eigener Erinnerungen.

Rassistische und homophobe Schimpftiraden

Mortensen spielt John, dessen Vater Willis (Lance Henriksen) unter Demenz leidet. Zu Anfang des Films sieht man die beiden im Flieger, denn, wie sich schnell herausstellt: Alleine fliegen, das wäre für Willis inzwischen unmöglich. Was ihm aber gelingt, sind endlose, rassistische, frauenfeindliche und homophobe Schimpftiraden, die er auf alles und jeden loslässt, insbesondere auf seinen Sohn. Der bietet ihm dafür auch einiges an Angriffsfläche, denn er lebt offen homosexuell. Ein Umstand, der dem kranken Vater sauer aufstößt.

Mortensen arbeitet sich an der Krankheit filmisch mit Rückblenden ab, das ermöglicht ihm, die unstete, stets wechselhafte Gemütsstimmung des Kranken zu illustrieren, zugleich aber auch ein Bild der Familie zu entwerfen, wie er sie in Erinnerung hat: Als Ort, an dem scheinbar zu vieles aus dem Ruder gelaufen ist. Zu Beginn war Willis ein scheinbar fürsorglicher Vater, der sich gerne in Sanftheit und Verständnis hüllte, doch mit den Jahren entpuppte er sich als Patriarch, der Widerspruch nicht duldete und abfällig und boshaft sein konnte. Die Krankheit, die ihn im Heute quält, sie verstärkt seine schlimmen Eigenschaften nur.

Mortensen inszeniert die Geschichte als elegant gefilmten Tanz zwischen den Zeitebenen, für ihn steht dabei die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern im Mittelpunkt. Diese ändert sich mit den Jahren, das ist normal. Was nicht normal ist, wenn die Konflikte zum Exzess hin eskalieren, immer unterfüttert mit dem Gefühl, die Endlichkeit des Menschseins zu spüren und ihr erfolglos entkommen zu wollen.

Perfekt besetzt bis in die Nebenrollen

Mortensen hat mit Lance Henriksen die richtige Wahl bei der Besetzung der Vaterrolle getroffen, denn dieser Schauspieler kann um sich schlagen und zugleich Hilfsbedürftigkeit spielen. In der Verzweiflung versucht Johns Schwester (Laura Linney) noch immer, den Frieden wiederherzustellen, doch die Enkelkinder und John wissen wohl, dass da nicht mehr viel zu machen ist, auch, wenn John sich mit einer unglaublichen Geduld stets von einer endgültigen Eskalation der Gefühle zurückhalten kann. Gerade Johns Beziehung mit einem koreanischen Krankenpfleger und seine unbedingte Beharrlichkeit darauf sind es, die dem Konflikt mehr und mehr Stoff bieten. Mortensen hat damit ganz nebenbei nicht nur (s)eine Familiengeschichte erzählt, sondern auch ein Plädoyer für mehr Diversität formuliert, das er hier dezidiert nur spielt und im echten Leben nicht lebt.

Für Viggo Mortensen ist "Falling" in mehrerlei Hinsicht eine eindrucksvolle Visitenkarte: Nicht nur, dass es sein Regiedebüt ist, stammt auch die Filmmusik aus seiner Feder. Und darstellerisch macht Mortensen, bislang drei Mal oscarnominiert, auch hier einen ausgesprochen guten Eindruck. Wie übrigens sein gesamtes Ensemble. Die Engelsgeduld aber, mit der er die Tiraden seines alten Herren erträgt, sind wahrlich beeindruckend. Vielleicht sind sie der gar nicht so fiktive Teil dieses Films: Mortensen widmete "Falling" nämlich seinem 2017 verstorbenen Vater.