In Graz ist man dieser Tage allerorts überschwänglich glücklich: "Endlich wieder Kino", "Endlich wieder unter Menschen", "Gemeinsame Filmerfahrung", hört man da. Tatsächlich ist das Filmfestival Diagonale ein lautes Ausrufezeichen, dass es mit der Kunst-, Kultur- und insbesondere Filmbranche wieder aufwärts geht.

Zu sehen sind bis Sonntag stattliche 108 neue österreichische Filme, von denen etliche im Rennen um die Diagonale-Preise antreten. Den Auftakt machte Arman T. Riahis "Fuchs im Bau", ein Drama um eine Gefängnisschule, das, fein austariert, Nuancen des Jugendstrafvollzugs in Österreich herausarbeitet. Die heimische Film- und Kulturszene aufmischen will hingegen die Mockumentary "Sargnagel - Der Film", mit und über die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel. Der Film ist eine Fake-Doku, die sich um eine Kunstfigur einerseits und um einen Filmdreh-im-Film andererseits dreht. Regie bei dem Projekt führte das Duo Sabine Hiebler und Gerhard Ertl ("Anfang 80").

Satire zum Kulturbetrieb

Im Film soll Stefanie Sargnagels Buch "Fitness", eine Zusammenstellung von Facebook-Beiträgen, verfilmt werden, jedoch stellt die Filmförderung eine Bedingung: Die Autorin soll sich darin selbst spielen. Ein Hieb auf die Förderpolitik in Österreich ist das, und auch die breit über den Film verstreuten kurzen Cameo-Auftritte von bekannten Gesichtern der Wiener Kulturlandschaft tragen dazu bei, dass "Sargnagel - Der Film" satirisch von den Mechanismen des heimischen Kulturbetriebs erzählen kann. Ein frischer Wind in der zur Zeit ohnedies recht aufgeweckten heimischen Filmszene.

Da gibt es zum Beispiel den Wiener Regisseur Sebastian Brauneis, der im Vorjahr seinen Film "3freunde2feinde" mit einem Mini-Budget von nur 3000 Euro realisierte; Brauneis, einst bei "Willkommen Österreich" und der "Sendung ohne Namen" zugange, ist ein Ungestümer, der wenig von ausgetretenen Pfaden hält; einer, der lieber macht, anstatt ewig auf die Förderzusagen zu warten. Und so kommt es, dass er bei dieser Diagonale schon wieder einen neuen Film zeigt: "1 Verabredung im Herbst" erzählt von einer 36 Stunden dauernden Phase im Pandemiesommer 2020 in Graz und Wien, wo geliebt und entliebt wird, wo man sich findet und sich trennt. Brauneis‘ Umsetzung ist diesmal eleganter als beim Vorgänger, doch er drehte wieder mit marginalem Budget, dafür aber umso fiebriger und leidenschaflicher. Hier wird ein junger Mann, der zu viel fremdgeht, von all seinen Affären abserviert, und dafür findet Brauneis viele wunderbare und gewitzte Bilder. Es bräuchte in Österreich mehr solche Regisseure, die keine Angst haben, etwas zu wagen und zu versuchen.

Diagonale im Stream

"1 Verabredung im Herbst" ist übrigens heute, Donnerstag, um 20.15 Uhr im Livestream auf FM4 zu sehen. Im Rahmen der Schiene "Canale Diagonale - Ein Festival, viele Streams" öffnet sich die Diagonale diesmal unter diagonale.at/canale-diagonale dem Publikum, das nicht nach Graz kommen konnte. Man will damit neue Zuschauer-Gruppen erreichen, gut passend zur Pandemie, in der sich viele noch nicht an eine Reise wagen.

Ein Wagnis geht jedenfalls der junge Mario (Thomas Prenn) ein, der in Evi Romens "Hochwald" aus der dörflichen Enge seiner Südtiroler Heimatstadt in das pulsierende Rom entflieht. Dort wird der orientierungslose Träumer, der gerne Tänzer werden möchte, Zeuge eines Terroranschlags. Zurück in seiner Heimatstadt tritt er einer muslimischen Glaubensgemeinschaft bei, was ihn endgültig zum krassen Außenseiter werden lässt. Ein gefühlvoll und mit genauem Blick umgesetztes Drama um einen Suchenden, der nicht zu Finden scheint.

Die Diagonale zeigt mit ihrer stimmigen Filmauswahl einmal mehr, wie sehr sie als Visitenkarten für heimisches Filmschaffen fungieren kann. "Endlich wieder Kino" ist der zu Recht skandierte Slogan dazu.