Sandra Wollners Uni-Abschlussfilm "The Trouble With Being Born" konnte schon bei der Berlinale 2020 Publikum wie Kritiker überzeugen, musste aufgrund der Corona-Pandemie aber bislang ohne Kinostart auskommen. Das wird jetzt nachgeholt, mit dem Kinostart am kommenden Freitag, passend auch zum am Sonntag überreichten Diagonale-Preis für eine außergewöhnliche Produktionsleistung.

Wir lernen ein zehnjähriges Mädchen (Lena Watson) kennen, das ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Vater zu haben scheint. Die Regisseurin lässt ihre Zuschauer eine Zeit lang im Unklaren, woher das Unwohlsein kommt, das zwischen den beiden entsteht und sich von der Leinwand herab im Zuschauersaal verbreitet. Irgendetwas stimmt hier nicht, und ja, es ist doch genau das, woran man als Allererstes gedacht hat. Doch halt: Stimmt wieder nicht, denn wir sehen hier nicht die Geschichte einer ausgelebten inzestuösen Pädophilie zwischen Vater und Tochter, die sich sehr schnell ankündigt, sondern wir sehen hier die Simulation einer ausgelebten inzestuösen Pädophilie. Das Mädchen ist nämlich kein echter Mensch, sondern ein Androide, ein menschenähnlicher Roboter, und der Film ist darob auch kein Drama, sondern Science Fiction, zumindest was diesen Teil betrifft. Die 1983 in Leoben geborenen Sandra Wollner im Gespräch über die Motivation, diesen Film zu drehen.

Sandra Wollners Film ist eine Dystopie über die Entwicklung von KI. - © afc
Sandra Wollners Film ist eine Dystopie über die Entwicklung von KI. - © afc

"Wiener Zeitung": Frau Wollner, erzählen Sie über die Sehnsucht, die zwischen diesem Mann und dem Androiden in Mädchengestalt besteht.

Sandra Wollner: Die Sehnsucht des Vaters ist einerseits eine zumutbare Sehnsucht, die durch den Verlust und die Trauer um eine reale Person bestimmt ist, und andererseits eine unzumutbare - vielleicht sehen wir hier mehr eine Dynamik als eine echte Sehnsucht, nämlich das Ausleben seiner sexuellen Fantasien.

Eine Fantasie, die in den meisten Menschen wohl Abscheu hervorruft.

Mich hat interessiert, dass beides gleichzeitig existiert und in diesem virtuellen Wesen, diesem Androiden, auch gleichzeitig ausgelebt werden kann. Mich persönlich erschreckt das unfassbar, es beleidigt mich. Aber dieser Materie ist es egal. Das ist für uns natürlich eine unfassbare Provokation. Eine immense Herausforderung, die uns ja im Grunde erst auf unser Menschsein zurückwirft.

Wie entstand die Idee zu dieser Geschichte?

Die Idee, einen Film über einen kindlichen Androiden zu machen, kam ursprünglich von Roderick Warich, mit dem ich auch das Drehbuch zu diesem Film geschrieben habe. Ich hatte zunächst an einer anderen Geschichte gearbeitet, in der es um ein Mädchen ging, das den letzten Sommer seiner Kindheit erlebt. Dieses Mädchen bekam immer mehr das Gefühl, die Welt nicht so zu sehen, wie sie wirklich ist. Sie hatte den innigen Wunsch, sich von ihrem eigenen Blick, einem menschlichen Blick im Allgemeinen, zu lösen. Sie hatte den Wunsch, die Welt zu sehen wie sie ist, ohne sie zu werten und stattdessen einfach nur zu sein. Im Grunde wollte sie sein wie ein Gegenstand. Wenn ich vom jetzigen Standpunkt rückblickend den Entstehungsprozess von "The Trouble with Being Born" betrachte, dann wird mir klar, dass ich deswegen auf die Idee so angesprungen bin: Weil das Robotermädchen das Gefäß darstellte, das ich vorher schon lange gesucht habe.

Welche Bilder hatten Sie vor der Umsetzung im Kopf? Wie sollte dieses Androidmädchen sein?

Es entsteht ein wenig Unnahbarkeit einerseits, aber dann auch wieder große Vertrautheit. Ich wollte das Publikum zunächst etwas im Unklaren lassen. Vor Beginn einer neuen Arbeit habe ich aber sehr konkrete Bilder davon im Kopf. Mir ist aber darüber hinaus auch immer wichtig, beim Dreh selbst Zufällen und gerade passierenden Momenten Raum zu lassen, denn daraus entsteht Wahrhaftigkeit. Wenn das Filmteam klein genug ist, kann man hier getrost in jede Richtung gehen.

"The Trouble With Being Born" ist auch eine Dystopie über die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Welche Meinung haben Sie persönlich dazu?

Ich glaube, dass Künstliche Intelligenz definitiv eine Bereicherung für unser Leben sein kann. Ich finde es irrsinnig spannend, wie etwa neuronale Netzwerke funktionieren. Unsere zunehmende Virtualisierung wirft uns eher auf unser Sein als Geisterwesen zurück - etwas, das wir immer gewesen sind. Zugleich darf man nicht außer Acht lassen, dass der Einsatz von Automation und Computern immer auch Isolation und Vereinsamung von Menschen mit sich bringt. Das ist aber etwas, das letztlich immer vorhanden war beim Menschen, der in seinem Körper gefangen ist. So kann auch der Androide immer nur ein Monolog für sein Gegenüber sein, von dem er schließlich programmiert worden ist. Aber wie sehr sind alle Gespräche, die wir als Menschen führen, nicht immer nur das Widerspiegeln unserer eigenen Innerlichkeit? Wann gehen wir tatsächlich in einen Austausch? Diese Fragen habe ich mir beim Drehen sehr intensiv gestellt. Ich habe versucht, einige Aspekte davon in diesem Film zu vertiefen.