Als im Juli 1995 die Sonne auf Srebrenica herunterbrannte, da war die große Hitze noch das kleinste Problem der Menschen. Die sahen sich damals nämlich mit den Gräueltaten eines brutalen Krieges konfrontiert, der ihr Land zu zerstören drohte. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 mehr als 8.000 Bosnier ermordet wurden, ist an Dramatik kaum zu überbieten. Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic hat in dem mit Österreich koproduzierten Spielfilm "Quo vadis, Aida?" (ab Freitag im Kino) diese Tage nachempfunden und daraus einen beeindruckenden Thriller über einen Genozid gedreht, der es zuletzt sogar bis zur Oscar-Nominierung als "Bester fremdsprachiger Film" brachte. Im Zentrum steht die Dolmetscherin Aida (Jasna Duricic), die inmitten des Chaos jener Tage zusammen mit ihrer Familie Schutz bei den niederländischen UN-Truppen sucht, zusammen mit Hunderten anderen. Doch die Holländer sind mit der Situation überfordert, sie entgleitet ihnen zusehends.

"Wiener Zeitung": Frau Zbanic, Sie selbst haben den Krieg in Bosnien miterlebt. Wie persönlich ist dieser Film für Sie?

Jasmila Zbanic: Persönlich ist Srebrenica mir sehr nahe, weil ich den Krieg in Sarajevo von 1992 bis 1995 verbracht habe, einer Stadt, die ebenfalls belagert wurde, und wir hätten genauso enden können wie Srebrenica. Krieg ist das Allerschlimmste: An einem Tag hat man alles, und am nächsten Tag existiert fast nichts mehr von dem, was man kennt. Nichts ist mehr wie zuvor. Nur, weil wir die Tendenz haben, manche Dinge für völlig unvorstellbar zu halten, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht geschehen können. Im Fall von Srebrenica ist das Unvorstellbare passiert, ein Genozid, der bis heute seine Schatten wirft. Immer noch werden 1.700 Menschen vermisst. Mehr als 8.000 Menschen, meistens Männer, sind damals von der serbischen Armee ermordet und in Massengräbern verscharrt worden. Srebrenica ist das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mich hat dieses Drama in der Vorbereitung unendlich mitgenommen. Auch, weil eben die alten Erinnerungen in mir hochkamen.

Jasmila Zbanic beim Interview mit der "Wiener Zeitung" in Venedig. - © Katharina Sartena
Jasmila Zbanic beim Interview mit der "Wiener Zeitung" in Venedig. - © Katharina Sartena

War das der Grund, weshalb Sie diese Geschichte aus der Sicht einer Frau erzählt haben? Weil eben auch viele Erinnerungen von Ihnen da drinnen stecken?

Es hatte einen anderen Grund. Das Script verarbeitet die Erinnerungen von Hasan Nuhanovic, der beim Massaker seinen Vater und seinen Bruder verlor. Wir haben die Rechte an seinem Buch erworben und begonnen, mit ihm zu arbeiten. Er hat uns sehr viele Details darüber verraten, wie die Leute damals angezogen waren und was sie gegessen haben. Wichtige Dinge, die ich für die akkurate Umsetzung der Story benötigte. Jedoch merkte ich schnell, dass ich einen Film über das Massaker am besten aus der Sicht einer Frau erzählen würde können, weil ich das glaubhafter fand. Und weil ich finde, dass das Massaker von Srebrenica nicht nur ein historisches Ereignis ist, sondern auch ein ziemlich heutiges. Denn es stellt sich ja die Frage: Wie geht man mit der Schuld um, wie lebt man mit Menschen zusammen, die einmal zu den Peinigern gehörten? Was erzählt man all den Kindern?

Was erzählt man also den Kindern?

Das Erbe wiegt schwer. In den Schulen werden kroatischen, bosnischen oder serbischen Kinder kaum Fakten über den Krieg erzählt, und wenn, dann meistens ideologisch geprägt. Der Umgang mit dieser Vergangenheit fällt vielen schwer. Manche leugnen bis heute, dass es den Genozid in Srebrenica jemals gegeben hat. Solche Menschen gibt es in allen Bereichen, in der Politik sowieso, aber auch unter Kollegen von mir, die lieber nicht über den Krieg sprechen möchten. Sie wollen keine Filme über das Gestern drehen, dabei gibt es so viel aufzuarbeiten. Das war die gleiche Situation wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als man auch versucht hat, durch Verschweigen und Vertuschen das Leben möglichst in eine neue Normalität zu lenken. Aber das empfinde ich als den falschen Weg. Ich glaube, wir können die Vergangenheit erst abschließen, wenn alle Massengräber von Srebrenica geöffnet und alle Fakten richtiggestellt werden.

Aida muss übersetzen, was die Männer um sie herum sagen. Was ist sie für eine Frau?

Aida ist eine Figur, die sich zwischen zwei Welten befindet: Sie ist Bosnierin, ihre Familie befindet sich in der gleichen Situation wie 30.000 andere Einwohner von Srebrenica, aber gleichzeitig arbeitet sie für die Vereinten Nationen, und das macht ihre Position mehrdeutig. Sie glaubt an die UNO. Sie glaubt, dass die UN-Basis ein sicherer Ort für ihre Familie ist und sie glaubt, dass sie bestimmte Privilegien hat, weil sie für die UNO arbeitet. Der Film ist ihre Reise in einer Zeit, in der alles zusammenbricht. Frauen haben den Krieg in einem so geringen Prozentsatz geplant, organisiert oder durchgeführt, dass wir leicht sagen können, dass ein Krieg ein rein männliches Spiel ist und Filme über den Krieg meistens von einem Mann gemacht werden. In unserem Film zeigen wir den Krieg auch deshalb aus einer weiblichen Perspektive, weil wir genug Filme über den Krieg aus männlicher Perspektive haben.

Wird "Quo vadis, Aida?" auch in Serbien in die Kinos kommen?

Das glaube ich nicht. Wir haben schon 2006 mit meinem Film "Grbavica" schlechte Erfahrungen gemacht, unsere serbische Hauptdarstellerin Milena Karanovic spielte eine muslimische Frau und wurde bedroht, zu einer Vorstellung kamen die Menschen mit Karadzic- und Mladic-T-Shirts. Ich glaube, in den Köpfen vieler Menschen hat sich bis heute leider nur wenig geändert.