Dolmetscher zu sein, gerade in Kriegszeiten, ist mitunter ein gefährlicher Job. Denn wer zwei Sprachen spricht - jene des Feindes und die eigene - birgt Gefahren in sich. Aida (Jasna Duricic) ist eine solche Dolmetscherin, im Juli 1995, in Srebrenica. Ein Name, der wie kein anderer für die Grausamkeiten des Bosnienkrieges steht, weil dort im Juli 1995 mehr als 8.000 Bosnier ermordet und in Massengräbern verscharrt worden waren. Dieser Völkermord, dieser Genozid sitzt allen Beteiligten, den Opfern und Tätern, ihren Nachkommen bis heute in den Knochen, er ist sozusagen ein Substrat des Krieges, ein Destillat der Unmenschlichkeit.

Genau über dieses Thema - und auch über diese Befindlichkeit - hat Jasmila Zbanic einen Film gemacht: "Quo vadis, Aida?", eine österreichische Koproduktion und heuer auch für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert gewesen, ist nicht die erste Auseinandersetzung der bosnischen Regisseurin mit diesem Krieg; bereits 2006 spannte sie mit "Grbavica" die Nachwehen des Krieges in Sarajevo in ein Drama, es ging um gefallene Väter und vergewaltigte Töchter. Der Film gewann in Berlin den Goldenen Löwen, in Serbien wurde die Hauptdarstellerin beim Kinostart mit dem Tod bedroht. Ein Umstand, der zeigt, wie fragil der Frieden am Balkan bis heute ist.

Eintauchen in die Wirren eines grausamen Krieges

Nun geht Zbanic einen Schritt weiter, lässt die geschundenen Seelen hinter sich und taucht direkt ein in die Wirren eines fanatischen Krieges: Zbanic zeichnet die Ereignisse in Srebrenica von ihrem Anbeginn bis zu den drastischsten Momenten nach und lässt ihre Hauptfigur Aida inmitten des Chaos jener Tage zusammen mit ihrer Familie Schutz bei den niederländischen UN-Truppen suchen, wie das damals auch Hunderte andere taten. Doch die UN-Truppen sind mit der Situation heillos überfordert, sie entgleitet ihnen zusehends. Zbanics Drama ist hautnah am Geschehen, es fängt das Leid und die Tortur dieser Menschen ein und kommt einer überaus akkuraten Aufarbeitung der größten Kriegstragödie dieses Landes gleich. Sie zeichnet mit großem Gespür für die Tonalität dieses Krieges nach, wie die Stimmung sich mehr und mehr aufheizte in diesem Sommer, ehe sie zum Kippen kam.

Aida hat als Dolmetscherin in den Verhandlungen Zugang zu entscheidenden Informationen. Sie versucht dabei, Lügen und Wahrheiten auseinanderzuhalten, um herauszufinden, wie sie ihre Familie und ihre Mitbürger retten könnte. Die Lage dramatisiert sich noch, als ihr Ehemann, Direktor der örtlichen Schule, Srebrenica bei den Verhandlungen mit dem bosnisch-serbischen General Ratko Mladic vertreten soll.

Was "Quo vadis, Aida?" von vielen anderen Kriegsfilmen unterscheidet, ist der Blickwinkel auf die Ereignisse: Nicht die meistens von Männern inszenierten Schlachten sind hier zentral, sondern der Blick zweier Frauen (jener von Aida und jener von Jasmila Zbanic) auf die Gemeinheit des Krieges. Dieser Blickwinkel führt zu einer differenzierteren Betrachtung von Gewalt und Gegengewalt, von männlicher Kriegsfantasie, von den Mechanismen des Völkermordes und der Grausamkeit. Wann immer es hier den Anflug von Hoffnung gibt: Sie wird uns genommen; denn heroisch, das zeigt uns Aida in diesem Drama, ist in einem Krieg rein gar nichts.