Man kennt Kelly Reichardt vor allem wegen ihrer präzisen Abbildung amerikanischer Lebensrealitäten, und schon in "Meek’s Cutoff" hat sie das Western-Genre als jenes erkannt, das ihr am besten dabei behilflich ist. Dort kann man nicht nur die Beziehungen der Menschen untereinander gut ausloten, sondern auch das große Ganze sehen: Der Western kann gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, und das heißt im vorliegenden Fall: Die Entwicklung einer Nation spiegeln, die gerade rund 250 Jahre existiert.

Western ohne Schüsse

"First Cow" ist ein Western, in dem nicht geschossen wird, wie angenehm ist dieser Bruch mit dem Klischee! Dafür wird eine Kuh gemolken und aus der Milch werden Butterkekse gebacken, im Oregon des Jahres 1820. An der Zitze: Der Einzelgänger Cookie Figowitz (John Magaro), der sich einer Gruppe von Pelztierjägern angeschlossen hat, für die er als Koch arbeitet. Er lernt den Chinesen King Lu (Orion Lee) kennen, ein junger Mann auf der Flucht vor den Russen, und man kommt gemeinsam auf die Geschäftsidee mit den leckeren Keksen, die sich am lokalen Markt hervorragend verkaufen. Die ersten Strukturen von Handel und Wirtschaft zeichnen sich ab, und Reichardt kann virtuos den Anfang vom Aufstieg Amerikas nachzeichnen, indem sie dafür ganz bescheidene Bilder findet, die auf dem Roman "Half Life" von Jonathan Raymond basieren. Rurale Gebiete, Männlichkeitsbilder, Einwanderer: Reichardt fokussiert auf die Themen, die Amerika in Wahrheit bis heute umtreiben.