Der Moment, in dem sich die Riesenameise in "Formicula" (1954) langsam über den Sandhügel schiebt und die beiden Protagonisten im Vordergrund plötzlich immer kleiner zu werden scheinen, der generierte im Kino der 50er Jahre einen Horror, wie man ihn zuvor kaum kannte: Zwar war klar, dass diese mit holpriger Stop-Motion-Technik animierte Ameise lediglich eine Puppe war (immerhin gab es dafür eine Oscarnominierung für die visuellen Effekte), die noch dazu keine Überlebensgröße besaß, sondern mit der Rückprojektionstechnik aufgeblasen wurde, aber ganz tief drinnen, da saß der Schock bei den Zuschauern tief: Diese Mörderameise war ein Monster, das außer Kontrolle geraten war; es war in der Lage, ganze Dörfer, Städte auszulöschen mit seiner Ameisensäure. Und auch der Verursacher dieser von der Natur so nicht vorgesehenen Monsterameise lag auf der Hand: Der Mensch höchstselbst hatte diese Ameise erschaffen, denn sie mutierte zu dieser Größe auf einem ehemaligen Atomwaffen-Testgelände in New Mexico.

Angst vor Atom

Das atomare Zeitalter hatte damals gerade erst begonnen, und schon war es voller Fragen und Unsicherheiten gewesen: Die Strahlen, die niemand sehen konnte, sorgten für (begründete) Angst in der Bevölkerung, nicht nur in den USA. Das Wettrüsten um Atomwaffen zwischen den USA und der UdSSR tat ein Übriges; die Kinder lernten in den Schulen mit lustigen Filmchen, was im Fall eines Atomwaffenangriffs zu tun wäre ("duck and cover"), und die ganze Nation lebte in permanenter Angst, mit zugespitzten Krisen in Kuba 1962, aber später auch mit ganz realen Atomkatastrophen wie Tschernobyl oder zuletzt Fukushima, die das hässliche Gesicht dieser vermeintlich sicheren Technologie zeigten.

"Formicula" (1954): Mutierte Riesenameisen machten die Wüste von New Mexico unsicher. - © zvg
"Formicula" (1954): Mutierte Riesenameisen machten die Wüste von New Mexico unsicher. - © zvg

Die atomaren Bedrohungen der jüngeren Geschichte, sie waren häufig der Stoff für Monsterfilme unterschiedlichster Art, weil sich über dieses Ventil die in einer Gesellschaft festgesetzte Angst perfekt illustrieren lässt: Während die Riesenameisen die USA verwüsteten, waren in Japan die "Godzilla"-Filme ebenfalls Aufarbeitung der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Das Monster Godzilla, über 100 Meter groß, entstammt einer nuklearen Verseuchung und erschien ebenfalls 1954 erstmals auf der großen Leinwand. Jahrzehntelang tauchte Godzilla in B- und C-Movies auf, meist als Feind der Menschheit, manchmal aber auch als Freund. Die Riesenechse thematisierte ebenfalls die weltweite Angst vor den Folgen einer atomaren Auseinandersetzung; zugleich waren die Filme auch ein Ventil für den Frust der Nachkriegsjahre: Man konnte die Pein dieser Zeit getrost für zwei Kinostunden vergessen.

Die Natur untertan machen

Nicht anders verhielt es sich mit King Kong. Der war bereits 1933 in "King Kong und die weiße Frau" auf der Leinwand erschienen und war die Initialzündung für das Special-Effects-Kino. Zunächst war der Riesenaffe eine Bedrohung für die Menschheit, doch dann fing man ihn ein und zerrte ihn in Ketten von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Hinter dieser Story schwelt die Angst vor der Natur als unberechenbare Größe; der Mensch hatte bereits seit Beginn der industriellen Revolution geglaubt, sich die Natur in Windeseile untertan machen zu können, doch immer wieder, durch Katastrophen wie Dürren, Erdbeben, Überschwemmungen oder Feuer erlebte er gewaltige Rückschläge. King Kong ist der Ausdruck dieser Ambivalenz, die es bis heute zwischen Mensch und Natur gibt. Die zwei, das sieht man derzeit deutlicher denn je, vertragen sich nicht gut.

Gerade in den letzten Jahren erleben Monsterfilme daher auch eine Renaissance. Aktuell im Kino zu sehen ist "Godzilla vs. Kong", wo beide Monster aufeinander losgelassen werden, als wollte man laut ausrufen, dass sich heute die Katastrophen nicht abgeschlossen wie einst zutragen, sondern meist gleich multiple Havarien auf die Menschheit einprasseln; getreu dem Grundsatz: Ein Unglück kommt selten allein. Klimawandel, Pandemie, Meeresverschmutzung, you name it.

Schon immer haben Monster in Film und Literatur die (sozialen) Ängste der Menschheit reflektiert. Das beginnt nicht erst mit Mary Shelleys Roman "Frankenstein", der die Angst vor den Riesenfortschritten der Wissenschaft im 19. Jahrhundert reflektierte und speziell die frühen Versuche mit Elektrizität zur Quelle allen Übels machte. Später, im Amerika der 1940er und 1950er Jahre, wurde die Angst vor dem Kommunismus zum Exzess geschürt, sodass die unzähligen Sci-Fi-Filme mit Monstern in allen Formen diese Angst vor dem Andersartigen (den Kommunisten) spiegelte.

Die 70er und 80er gehörten hingegen den Vampiren. Sie waren als Monster vor allem deshalb in Mode, weil inmitten einer sich rasch ändernden US-Gesellschaft hin zu neuen moralischen Werten und sexuellen Freiheiten neue Ängste aufkamen; eben jene vor Sexualität, vor der Abkehr von Religion und auch davor, dass der Vampir sein Verhalten mit der eigenen Unschuld rechtfertigt und seine Grundbedürfnisse ungestraft deckt. Schamlos, skrupellos, verwegen: Das kam in der US-Gesellschaft der 70er Jahre gut an.

Zombies und Terroristen

Jede Generation hat ihre eigenen Ängste zu bewältigen. Während die Großväter noch vor der Atombombe zitterten, dominiert heute in den Geschichten der Filmemacher der Zombie als Monster höchster Güte. Das ist kein Zufall: Unzählige Produktionen stellen Zombies in den Mittelpunkt, denn in diesem Subgenre manifestiert sich die Angst der Menschen vor ansteckenden Krankheiten; ein Zombiebiss überträgt das Zombie-Virus auf den Gebissenen, er wird ebenfalls zum Untoten. Es ist die Blaupause für die Angst vor monströsen Viren, die wir gerade kollektiv erleben.

Zombies zeigen: Der Mensch selbst kann zum Monster werden. Besonders stark hat sich das nach 9/11 gezeigt, seither sind die Monster im Kino immer wieder durch bestialisch agierende Terroristen ersetzt worden. Der Feind ist also tatsächlich einmal der Mensch selbst, keine Kreatur des Menschen. Das verstärkt die Angst, denn jeder kann ein Killer sein, jeder kann töten, und Sicherheit existiert nicht mehr. Der Mensch, er ist in dieser Rolle vielleicht das schrecklichste Monster, das zu erfinden man vermutlich gar nicht imstande wäre.