Cannes, das war und ist immer schon: Hysterie in Reinkultur. An der Croisette, dieser Prachtstraße, die entlang der Bucht von Cannes verläuft, ist die Stimmung seit jeher fiebrig und flirrend, wenn sich die Stars und Sternchen aus der Filmwelt hier alle Jahre wieder Mitte Mai zum kollektiven Zurschaustellen ihrer Eitelkeiten treffen. Aber im Jahr 2021 ist alles ein bisschen anders, Sie wissen schon.

Die Buchungslage der Hotels und Apartments ist ob der unsicheren Corona-Situation bis Mitte Juni recht mau gewesen, seither ziehen die Preise an, weil ganz Europa jetzt auf die Corona-Regeln pfeift und man - dem Tourismus wegen - auf "ein Sommer wie immer" macht. So ist das auch in Cannes: Die Touristen sind zurück, und das Festival hat seinen Termin wegen Corona von Mai auf Juli verlegt, mitten in die Reise-Saison. Das wird heuer in Cannes für zusätzliche Besucherströme sorgen, die bewältigt werden wollen.

Massen in der Pandemie

Und deshalb ist zwar nichts wie sonst in dieser Stadt, aber die Hysterie, sie ist geblieben. Nur gilt sie nicht den Stars, denen man begeistert zujubelt, sondern der Frage, wie eine Massenveranstaltung am Rande einer Pandemie überhaupt stattfinden kann.

Die sonst rund 4000 anreisenden Journalisten werden dieses Jahr nicht so zahlreich sein, und auch wird die Stadt Cannes, sonst rund 70.000 Einwohner zählend, nicht wie üblich 250.000 Besucher empfangen, sondern vielleicht die Hälfte. Aber das ist angesichts der noch immer unsicheren Corona-Lage auch schon genug.

Thierry Frémaux, der Chef des Festivals, hat sich von Beginn an bemüht, Ausnahmegenehmigungen für vom Virus gebeutelte Nationen zu erwirken; er hat erreicht, dass etwa die britischen Festivalbesucher, die größte Gruppe aller Cannes-Besucher überhaupt, problemlos und ohne Quarantäne anreisen darf. Sehr zum Ärgernis für andere europäische Besucher, die ihr Kommen vorsorglich abgesagt haben, weil sich in Großbritannien die Delta-Variante des Corona-Virus explosionsartig ausbreitet; man fürchtet einen Übergriff auf die Großveranstaltung, doch Frémaux sieht das gelassen. Er folgt den vom französischen Staat ausgegebenen Richtlinien sehr genau, hat neben dem Palais des Festivals eine riesige Teststraße aufbauen lassen, wo sich jeder nicht zweifach geimpfte Besucher alle 48 Stunden testen lassen muss, wenn er das Festivalgelände betreten will. Es sind PCR-Tests hier, keine Antigen-Tests. Und die Resultate kommen nach sechs Stunden aufs Handy.

Was das für einen organisatorischen Mehraufwand für die Delegationen der Filmschaffenden und für die Pressevertreter, die zu den Premieren kommen, bedeutet, wird sich zeigen. Fest steht: Im sonst schon recht chaotischen französischen Süden ist das eine Herausforderung ohne Gleichen. Es ist ein Riesenexperiment unter Palmen. Überhaupt ist Frankreich mit all seinen Mini-Tischchen in den Bistrots und Restaurants gar nicht kompatibel mit einem Mindestabstand. Und Frémaux will auch in seinen Festivalkinos keine Abstände mehr: Die Säle werden ohne leere Plätze zwischen den Gästen vollgemacht, als wäre nichts gewesen. Eine Schutzmaske braucht es dann aber doch noch, und zwar vor, während und nach dem Film. Es wäre nicht das Festival von Cannes, wenn die Maskenpflicht im Kleingedruckten aber doch revidiert wird, und zwar ausgerechnet für die größten Festivalkinos Lumière und Debussy. Ob Druckfehler oder Ernst, das wird man erst vor Ort erfahren.

Häme in sozialen Medien

Mit vielen Desinfektions-Möglichkeiten, den Masken und den Test- beziehungsweise Impfzertifikaten will man dennoch die Kontrolle behalten, fraglich ist, wie das Festival reagieren wird, sollte ein positiver Corona-Fall auftreten.

Im Gewusel der Vorbereitungen gerieten auch die Journalisten in den üblichen Hysterie-Strudel: Die Website zur Bestellung der elektronischen Kinotickets, die man heuer erstmals braucht, ist gleich zum Start zusammengebrochen und war stundenlang offline. Viel Häme machte sich in den sozialen Medien breit, es wäre ganz typisch für die Organisation des Festivals, das alles schief laufe, lautete der Tenor.

Dabei erfing sich das System rasch, und auch beim vergangenen Festival von Venedig gab es anfangs derlei technische Probleme. Inzwischen hat sich die Aufregung der Presse doch wieder auf das anstehende Wettbewerbsprogramm verlagert: "Annette" des französischen, oft skandalisierten Regisseurs Leos Carax ("Pola X"). eröffnet Dienstag Abend das Festival. Marion Cotillard und Adam Driver spielen in dem Drama ein Liebespaar. Die ersten Gäste am roten Teppich werden mit Jodie Foster, Sean Penn, Tilda Swinton und Adam Driver hochkarätige sein.

Im Wettbewerb konkurrieren Cannes-Stammgäste wie Wes Anderson, François Ozon, Jacques Audiard und Paul Verhoeven. Einige der Filme sollten bereits im Vorjahr in Cannes laufen, als das Festival pandemiebedingt abgesagt werden musste. Nun kommen die Werke von Anderson oder Verhoeven mit einem Jahr Verspätung an der Croisette an.

Insgesamt 23 Filme werden sich Jury-Präsident Spike Lee und seine Juroren, darunter auch die Wiener Regisseurin Jessica Hausner, bis 17. Juli ansehen, und Lee, der schon im Vorjahr hätte den Vorsitz führen sollen, kokettiert am Festivalplakat nicht nur mit dem eigenen Kultstatus, sondern personalisiert mit seinem Konterfei diese Filmschau, die nie verlegen war, die Größen der Filmgeschichte als eigene Entdeckungen zu vermelden. Auch Lee ist ein Kind dieses Festivals; sein Uni-Abschlussfilm "Joe’s Bed-Stuy barbershop: we cut heads" (1982) debütierte in Cannes und brachte ihm damals gleich den "Prix de la Jeunesse". Als erster afroamerikanischer Künstler leitet er nun die Jury, was man in der Branche als sanften Aufbruch des oftmals in die Kritik geratenen Festivals hin zu mehr Weltoffenheit wertet. Aus österreichischer Sicht ist das 74. Festival von Cannes jedenfalls erfreulich: Zwei heimische (Ko-)Produktionen laufen in der Nebenreihe "Un Certain Regard": "Große Freiheit" des 1976 in Kitzbühel geborenen Regisseurs Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich in den Hauptrollen, sowie "Moneyboys", das Langfilmdebüt des Regisseurs C.B. Yi, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

Vier Frauen im Wettbewerb

Zu den weiteren Highlights zählen Sean Penns Vater-Tochter-Drama "Flag Day", für das er selbst mit seiner Tochter Dylan Penn vor der Kamera stand, oder "The Divide" der Französin Catherine Corsini, die immerhin eine von vier Regisseurinnen im Wettbewerb ist; so viele Frauen sieht man hier selten, aber: Ob das schon eine Wende im männerdominierten Festivalzirkus einläutet, darf bezweifelt werden.

Politisch dürfte so mancher Film aber definitiv werden: Der zweifache Oscar-Gewinner Asghar Farhadi ("Nader und Simin - Eine Trennung") drehte seinen neuen Film "A Hero" wieder im Iran, und der Russe Kirill Serebrennikow wird aller Voraussicht nach wieder nicht anreisen dürfen, um seinen Film "Petrov’s Flu" in Cannes vorzustellen. Dass der Filmemacher nicht kommt, hat allerdings keine coronabedingten Gründe: Als in seiner Heimat verurteilter Putin-Kritiker ist er beim Staatschef in Ungnade gefallen. Auch darüber sollte man sich in Cannes heuer hysterisch empören.