Mit "Space Dogs" (derzeit im Kino) begleitet Elsa Kremser gemeinsam mit ihrem Regie-Partner Levin Peter ein Rudel streunender Hunde durch das nächtliche Moskau. Es geht die Mär, dass die Hündin Laika, 1957 als erstes Lebewesen in einer Raumkapsel ins All geschossen, zurück auf die Erde kam, wo sich ihr Geist bis heute in Moskauer Nächten auf andere Streuner überträgt. "Space Dogs" erforscht diesen Kosmos als Doku mit märchenhaften Zügen. Ganz aus der Perspektive der Hunde gedreht, begleitet "Space Dogs" die Abenteuer von Laikas Nachfahren, zwei Straßenhunden im heutigen Moskau.

"Wiener Zeitung": Die Hunde, die sie durch Moskau begleiten, scheinen Ihnen vertraut zu haben. Wie lange dauert so eine Annäherung?

Elsa Kremser: Viele Monate lang sind wir quer durch Moskau gefahren und haben unzählige Hunderudel gesehen. Ein Zufall, brachte uns auf das Rudel aus dem Film. Eines Abends, wir waren auf dem Heimweg einer langen Recherche, lief ein weißer Straßenhund vor unserem Auto entlang. Wir sind ihm hinterher, und er hat uns zu dem Rudel, das im Film zu sehen ist, geführt. Es ist eine intime Sache, so einen Dokumentarfilm zu drehen und sich das Vertrauen des Hunderudels zu erarbeiten. Es hat viele Monate gedauert, ehe wir das erste Mal eine Kamera mit auf den nächtlichen Streifzug nehmen konnten. Unser Film ist ein Blick von Menschen auf Hunde, auch, wenn wir die meiste Zeit auf Augenhöhe mit den Hunden sind. Das mussten wir sein, denn sonst könnten wir nicht ihre Gesichter sehen und lesen.

Levin Peter und Elsa Kremser lieben Hunde. - © Katharina Sartena
Levin Peter und Elsa Kremser lieben Hunde. - © Katharina Sartena

Was lesen Sie in den Gesichtern?

Levin Peter: Die Geschichte der Hunde handelt von inniger Gefolgschaft, unerbittlicher Brutalität und schließlich von ihrem Blick auf uns Menschen. Wir wollten diese Gemeinschaft abbilden, die es zwischen den Hunden gibt. Sie wirken in manchen Szenen wie Jugendliche, die mit ihrer Gang durch die Straßen und um die Häuser ziehen, es hat manchmal den Anschein, als würden wir hier Teenager durch die Nacht begleiten.

Sie zeigen in "Space Dogs" auch bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Ära der sowjetischen Raumfahrt.

Elsa Kremser: Wir wollten eine Brücke schlagen zwischen den Hunden auf der Straße und dieser ikonenhaften Figur von Laika, die von den Sowjets ja zur Propagandafigur aufgebaut wurde. Wir haben herausgefunden, dass Laika ebenfalls eine Straßenhündin war, die man einst eingefangen hatte. Sie war also der ideale Rahmen, der dieses Filmprojekt zusammenhielt.

Laika war eine von zahllosen Figuren, die man in der Sowjetunion zu Propagandazwecken missbraucht hatte.

Levin Peter: Das stimmt. Die Geschichte von einem armen Hund, der bisher auf der Straße lebte und es jetzt bis ganz nach oben schafft, hat in der sowjetischen Propaganda immer gut funktioniert. Der Hund, der sich bis ins Weltall hochgearbeitet hat, um von dort aus seiner Nation alle Ehre zu machen, das ist ein Narrativ, das man immer wieder vorfindet. Zugleich gab es weitere Hundekosmonauten, etwa Belka und Strelka, die ersten Hunde, die lebend auf die Erde zurückkehrten, und die darob noch viel populärer waren. Ihr Konterfei prangte auf Büchern, Kalendern, Zündholzschachteln. Ihre Nachkommen hat man dann sogar international verschenkt: Jackie Kennedy bekam von Chruschtschow einen der Welpen der Hundekosmonauten geschenkt.

Sie haben für diesen Film eigens eine Filmproduktionsfirma gegründet. Wieso war Ihnen das wichtig?

Levin Peter: Die eigene Firma gibt uns den völligen Freiraum, den wir brauchen, um unsere Filme zu drehen. Wir wollen engagiertes, unabhängiges Kino machen, bei dem wir uns mit den Dimensionen von Raum und Zeit auseinandersetzen. Diese Freiheit haben wir nur, wenn wir unsere eigenen Projekte unabhängig umsetzen können.

Im Film gibt es eine ziemlich verstörende Szene, nämlich, als einer der Hunde ein streunendes Kätzchen tötet und Sie mit der Kamera dabei minutenlang zusehen. Das hat viele Zuschauer verstört.

Elsa Kremser: Uns war bewusst, dass die Szene mit der Katze Reaktionen hervorrufen wird. Aber wirklich zu wissen, wie die Leute reagieren werden, ist unmöglich. Für manche ist das der Einstieg in den Film gewesen, weil sie zuvor nicht richtig wussten, was das Ganze soll. Für andere war es das Ende, denn die sagten, über diese Brutalität gehe ich nicht drüber, das kann ich nicht. Die Hereinnahme dieser zufällig gefilmten Szene in den Film ist ein bewusster Akt gewesen: Natürlich will der Film bewegen und auch aufregen.

Levin Peter: Der Film steht bewusst in Kontrast zu Tierfilmen, die man aus dem Fernsehen kennt oder zu Disney-Filmen, die die Niedlichkeit von Tieren betonen. Wir wollten versuchen, einen bisher ungesehen Blickwinkel auf Tiere ins Kino zu bringen. Einen Film, der sich 90 Minuten lang ausschließlich den Hunden widmet und fast keinen Text hat. Wir wollten einen Anti-Tierfilm drehen, wo einem nicht alles erklärt wird.

Elsa Kremser: Ja, genau. Wo nicht erklärt wird, wieso der Hund jetzt eine Katze tötet. Sondern wo der Zuschauer zurückgeworfen wird auf den Umstand, die Welt selbst entdecken und verstehen zu müssen. So muss Kino sein, finde ich.