Über ein Jahr warten die Fans des Marvel-Universums nun schon auf den Kinostart von "Black Widow", der schon im Frühjahr 2020 hätte anlaufen sollen. Jetzt ist es soweit, und Disney prolongiert seine Strategie, den Film fast zeitgleich im Kino und auch auf dem hauseigenen Streamingdienst Disney+ zu veröffentlichen, dort freilich gegen Mehrpreis zum herkömmlichen Abo.

Die Marvel-Abenteuer werden immer mehr etwas für Spezialisten: Denn wer die gesamte Avengers-Reihe nicht verfolgt hat, der wird sich über so manche Handlungsstränge wundern und sich die Frage stellen: Was soll das alles? Aber die Auskenner des Universums, die kommen auch bei "Black Widow" auf ihre Kosten.

Natasha Romanoff alias "Black Widow" (Scarlett Johansson) ist gezwungen, sich mit den dunklen Kapiteln ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Alles geht von einer Verschwörung aus, die mit Natashas Vergangenheit zu tun haben muss. Sie wird von einem Gegenspieler namens Taskmaster auf die Probe gestellt, dessen Spezialität es ist, die Kampfstile seiner Gegner zu imitieren. Das bringt Natasha dazu, zurück zu ihren Wurzeln zu gehen, als sie - lange vor ihrer Zeit bei den Avengers - beim russischen KGB als Agentin arbeitete. Da hat sie einiges aufzuarbeiten, und überaus behilflich sind ihr dabei ihre Ersatz-Eltern Alexei Shostakov (David Harbour) und Melina Vostokoff (Rachel Weisz) sowie ihre Black-Widow-Kollegin und "Fake"-Schwester Yelena Belova (Florence Pugh).

Expertenwissen und viel Teamgedanke

Die Handlung, und da sind wir wieder beim Expertentum, den die Marvel-Reihe inzwischen erfordert, ist angesiedelt nach den Ereignissen von "Captain America: Civil War" und vor "Avengers: Infinity War", das sei für die Auskenner gesagt. Sonst muss man noch wissen: Für Scarlett Johansson ist "Black Widow" nach acht Filmen der Abschied vom Marvel-Universum; zugleich besitzt diese wunderbare Schauspielerin die Bescheidenheit, ihrem Co-Star Florence Pugh genug Freiraum zum Strahlen zu bieten; "Black Widow", das ist, wie vieles im Marvel-Reich, auch ein Gemeinschaftsprojekt, in dem nicht nur ein Held oder eine Heldin glänzen; der Teamgedanke steht im Vordergrund.

Regisseurin Cate Shortland zieht "Black Widow" über solide Action und ausreichend Tempo als typischen Marvel-Film auf. Zugleich aber gibt es eine Lackschicht an Independent-Look oben drauf, sodass der Film nie ganz so hochglänzend und glatt aussieht wie viele seiner Zunft. Außerdem setzen Shortland und ihre Darsteller den Humor des Drehbuchs über weite Strecken relativ gekonnt um. Etwa bei einer Szene, in der sich Natashas Fake-Familie im Film nach langen Jahren wieder einmal gemeinsam am Esstisch versammelt und sich die Szenerie bald in eine Sowjet-Parodie von "American Beauty" wandelt.

Schwach hingegen die Figurenzeichnung beim Bösewicht, der einsilbig bleibt. Und auch die Actionszenen wirken mit Fortgang der Handlung zunehmend liebloser und uninspirierter. Wie gut, dass man einen spielfreudigen Cast hat, der all die Mankos mit trockenem Witz überspielt. Ganz ehrlich: Nach 23 Marvel-Abenteuern wäre eine Variation vom gängigen Actionkonzept dringend nötig. Das versucht Disney ja gerade mit den neuen Marvel-Serien, die man exklusiv im Streamingportal zu sehen bekommt. Die immer gleichen großen Bilder für die große Leinwand hat man inzwischen über Gebühr strapaziert.

Black Widow

USA 2020
Regie: Cate Shortland.

Mit: Scarlett Johansson,
Florence Pugh, Rachel Weisz. Im Kino und auf Disney+.

Weitere Links
https://youtu.be/pbirOT0K6_Y