Vieles ist in diesem Jahr an der Croisette anders: Ein Gesundheitspass und eine Temperaturmessung gehören zum Standard beim Einlass in das Palais des Festivals, und die heimischen Corona-Impfnachweise gelten hier nicht. Dennoch wird man eingelassen, wenn die Zeit ist, dass das Personal auch das Kleingedruckte darauf liest. Im Palais selbst gibt es Desinfektionsmittel und Abstandsregeln. Und die Pressevorstellungen müssen erstmals via Internet im Voraus gebucht werden - sonst gibt es beim Kino keinen Einlass. 

Das war es dann aber auch mit den Neuerungen. Denn sonst brummt der Tourismus hier wie eh und je, die Abstandsregeln gelten in den Restaurants und Bars nicht, zumindest hält sich keiner dran. Schon gar nicht, wenn hier England gegen Dänemark spielt und die Fans einander in den Armen liegen. Cannes macht auf UEFA, wo die Stadien ja auch immer voller werden: In den Kinos in Cannes gibt es ebenfalls keinen Abstand. Die Säle werden voll besetzt, allerdings gibt es eine Maskenpflicht. Kontrolliert wird diese während des Films aber nicht, und schnell schon fielen einige Masken nachdem das Licht ausging im Saal.

Die 74. Filmfestspiele von Cannes nehmen es sehr locker mit der Pandemie, und es ist zu erwarten, dass es hier auch schon sehr bald zu Clustern kommt. Denn das Interesse am Festival ist groß: Zwar sind insgesamt weniger Gäste hier, doch die Journalisten aus den "Problemgebieten" im Kampf gegen die Delta-Variante, England, Spanien, Portugal, sind zahlreich vertreten. 

Unter anderem deshalb, weil Thierry Frémaux ein recht attraktives Programm zusammengestellt hat. Den Auftakt im Wettbewerb um die Goldene Palme bildete am Dienstag Leos Carax’ Musical "Annette". Carax, der ungestüme Kultregisseur ("Holy Motors"), inszeniert hier eine tragische Liebe, forscht aber auch an modernen Rollenbildern und am Status von prominenten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. So wie der Comedian Henry McHenry (Adam Driver), der in seiner Selbstzweifelei richtig Mitleid erregen kann, wenn er in seinem grünen Bademantel auf die Bühne geht und loslegt. Er kann aber auch bitterböse und zweideutig sein, das macht ihn zu einem Zyniker. Seine Liebe gehört Ann Desfranoux (Marion Cotillard), einer Opernsängerin für die er bald auch Abscheu empfindet, weil sie ihrem Publikum das gibt, was er seinem verweigert: Leidenschaft. Bald wird er sie beneiden und dem Alkohol vermehrt zusprechen.

"Annette", untermauert vom Sound des Pop-Duos Sparks, tappt nicht in die Falle ausgetretener Pfade, die sich hier anböte, sondern bleibt wendungsreich. Ein gar nicht lauer Auftakt zu diesem Festival, der bis zuletzt die groteske Handschrift von Carax zelebriert, ohne dabei in Künstlichkeit abzudriften. Wenn jetzt auch noch das Sicherheitsgefühl am Festival stiege und die Abstände größer würden, hätte man richtig Freude an Filmen wie diesem.