Sterben in der Schweiz, durch eigene Hand, das ist legal. In Frankreich geht das nicht. Also müssen die (meist recht betuchten) Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen, in die noblen Sterbekliniken ins Nachbarland ausweichen. "Was machen eigentlich Leute, die nicht so viel Geld haben?", fragt der 85-jährige André (André Dussollier) seine Filmtochter Sophie Marceau. "Die warten eben einfach auf den Tod", gibt sie schlagfertig zurück.

Das ist, wie so viele Kleinigkeiten in François Ozons neuem Film "Tout s’est bien passé" (Alles ging gut), richtig zum Schmunzeln, denn der Regisseur betrachtet das ernste Thema Sterbehilfe mit einer Portion Humor, die er vor allem seinem Hauptdarsteller Dussollier einimpft. Dessen Darstellung eines Familienvaters mit Hang zum Cholerischen ist viel Witz eingeschrieben, weil er nach einem schweren Schlaganfall mit zunehmender Hilflosigkeit sein Streben nach dem Sterben vorantreibt, da ihm, dem zeitlebens patriarchalisch agierenden Kunstsammler, nichts anderes mehr bleibt als der Galgenhumor.

Nicht nur zum Lachen

Sophie Marceau, gut gelaunt in Cannes. - © Katharina Sartena
Sophie Marceau, gut gelaunt in Cannes. - © Katharina Sartena

Komödie ist "Tout s’est bien passé" trotzdem keine, auch wenn Charlotte Rampling als Andrés geschiedene Ehefrau drollig grantelt und Hanna Schygulla als Pensionistin mit Nebenjob im Sterbehilfecenter noch um ein Eckhaus drolliger ist. Der Tod, das verhandelt Ozon in seinem neuen Drama, ist für alle Menschen gleich, er ist gleichsam Recht wie Pflicht des Menschseins.

"Tout s’est bien passé" ist nach "Sommer ‘85" aus dem Vorjahr bereits der zweite Ozon-Film, der sehr rasch herauskommt, und der nächste ist bereits abgedreht. Eine Arbeitswut, die nicht nur Gutes zum Vorschein bringt. Zwar sind Ozons Filme nach wie vor hochwertige Arbeiten, hier und da werden die Regie-Ideen aber platter, vorhersehbarer. Ganz so schlau und überraschend wie in seiner Anfangszeit inszeniert Ozon jedenfalls nicht mehr.

Palmenduft geht von diesem Film keiner aus. Anders ist das bei Mahamat Saleh Haroun. Der Regisseur aus dem Tschad hat mit "Lingui" im Wettbewerb ein Drama vorgestellt, das durchaus als ernster Anwärter auf eine Goldene Palme gelten darf. Haroun erzählt von einem jungen Mädchen aus dem Tschad, das nach einer Vergewaltigung schwanger wird und das Kind unter allen Umständen abtreiben will. Dies ist im Tschad unter Muslimen jedoch undenkbar, wie ihr ihre Mutter mit aller Dramatik beizubringen versucht. Die Religion verbietet das, das Gesetz auch. Die Mutter wird ihre Tochter dennoch bei ihrem Versuch unterstützen, obwohl das auch ihrem Glauben widerspricht. Es geht um das Alleinsein, um das Ausgegrenztsein inmitten einer männerdominierten Gesellschaft, in der die feindliche Umgebung die Frauen letztlich nur noch stärker zusammenschweißt.

"Lingui" ist ein Film von großer Qualität; er zeigt ein sonnendurchflutetes Leben, aber der Sonnenschein ist trügerisch; in Wahrheit geht es hier um Kämpferinnen des Alltags, die jeden Tag damit befasst sind, das eigene Überleben zu sichern. Regisseur Haroun bezeichnet seine Figuren als "Hürdenläufer. Jeden Tag gibt es mehr Hürden zu springen und das Leben wird für sie immer schwieriger", sagt er. Mit Emanzipation ist es in dieser Weltgegend noch nicht weit her, und man spürt den männlichen Blick Harouns auf seine Heldinnen. Das ist Absicht, denn Haroun glaubt daran, dass auch er als Teil des Patriarchats dazu beitragen kann, "dass sich die Dinge zum Besseren ändern".

Nicht immer ist "gut gemeint" auch wirklich gut, aber im Fall von "Lingui" geht die Rechnung auf: In sehr reduzierter Bild- und Erzählsprache wirkt der Film - auch dank seiner beiden famosen Hauptdarstellerinnen - lange nach.

Die Britin Andrea Arnold, heuer Jury-Vorsitzende von "Un certain regard", hat außerhalb des Wettbewerbs in der neuen Reihe "Cannes Premiere" mit "Cow" immerhin auch reduzierte Erzählsprache zu bieten. Sie folgt einem gerade erst geborenen Kalb beim Erwachsenwerden innerhalb der industriellen Milchwirtschaft. Von der schleimigen Geburt über den Morast im Stall bis zur Trennung von der Mutter: So kann Intimität auf einer Leinwand auch aussehen. Und man lernt: Das Leben einer Kuh verläuft selten pasteurisiert.