Mit ihren Filmen "Red Road" (2006), "Fish Tank" (2009) und "American Honery" (2016) hat sich Regisseurin Andrea Arnold als außergewöhnliche, kräftige Stimme im britischen Kino einen Namen gemacht, ihre Filme sind vielfach preisgekrönt. Heuer ist sie in Cannes die Jury-Präsidentin der Sektion "Un certain regard" und hat auch ihren neuesten Film mit hierher gebracht: In dem Dokumentarfilm "Cow" betrachtet Arnold das Leben von Kühen in allen Facetten: Von der Geburt bis zur Trennung von der Mutter hin zum Nutztier der modernen Landwirtschaft. Angenehme Eindrücke sind das oft nicht, wenn Arnold zeigt, wie vorbestimmt das Leben der Milchkühe ist und wie durchgetaktet dieses Leben verläuft.

"Dieser Film geht zurück auf meine Kindheit", sagt Arnold im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Ich hatte immer schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Natur, schon als kleines Kind. Ich habe die meiste Zeit im Freien verbracht, und neben unserem Haus war ein Feld, auf dem die Kühe grasten. Als Erwachsene hatte ich den Bezug dazu ein wenig verloren, weshalb ich über diesen Film dahin zurückfinden wollte".

Für Arnold ist das dokumentarische Arbeiten auch ein Weg, der Enge der Stadt zu entfliehen. "Die meisten Menschen leben heute in großen Städten, niemand kennt mehr wirklich seine Nachbarn, das halte ich für sehr ungesund", sagt sie. "Ich habe mich bemüht, die Verbindung zur Umwelt aufrecht zu erhalten und möchte kein isoliertes Leben führen". Was auch "Cow" zeigt: Letztlich geht es hier auch um eine Gemeinschaft, um ein Leben in Gefangenschaft, aber auch um den Anspruch des Menschen, sich die Umwelt untertan zu machen. 

"In ‚Cow‘ gibt es Kühe, die werden aussortiert, sobald sie keine Milch mehr geben. Ich will mit diesem Film kein Statement abgeben, das in Richtung Tierleid geht, sondern will vielmehr bewusst machen, wie wir mit unserer Umwelt umgehen", sagt Arnold. "Mir war es wichtig, den Kühen im Film ihre Persönlichkeit zu lassen und diese zu beobachten. Wir sind mit den Kühen auf Augenhöhe, folgen ihrem Rhythmus und begleiten sie durch ihren Alltag, ohne diesen zu beeinflussen". Für Arnold ist "Cow" jedenfalls die "Erforschung von Unbekanntem. Ich finde eigentlich nicht, dass es ein Dokumentarfilm ist. Denn diese Kühe erzählen vor der Kamera ihre ganz eigene Geschichte".