Es ist die Rückkehr eines Cannes-Veteranen, diesmal in Personalunion von Regisseur und Hauptdarsteller: Sean Penn hat in Cannes meist einen guten Boden für seine Filme gefunden, allen voran bei "Mystic River" (2003), der hier Premiere feierte und für den er später seinen ersten Darsteller-Oscar gewann. Jetzt ist er mit "Flag Day" erneut im Wettbewerb vertreten, der inzwischen 60-jährige Penn inszeniert darin sich selbst und auch seine Tochter Dylan. Die 30-jährige stammt aus der Ehe mit Robin Wright und ist auf dem Weg, karrieretechnisch aus dem Schatten des Vaters zu treten.

"Flag Day" ist die wahre Geschichte der US-Journalistin Jennifer Vogel, die in ihrem Buch "Flim-Flam Man: A True Family Story" ihren kriminellen Vater porträtiert hat. John Vogel war in den 1990er Jahren einer der produktivsten Geldfälscher der USA, seine Blüten waren täuschend echt gemacht. Die Behörden führte er lange an der Nase herum, seiner Familie verheimlichte er alles. Doch seine Machenschaften flogen bald auf: Schließlich fanden die Beamten bei Vogel 200.000 gefälschte Scheine im Wert von 19 Millionen Dollar. Vor dem Prozess konnte Vogel untertauchen, bei einem Banküberfall geriet allerdings das FBI auf seine Spur, und Vogel entzog sich der Verhaftung, indem er sich erschoss.

Penns Tochter Dylan Penn ist Papas ganzer Stolz und brilliert im Film an seiner Seite. 
- © Katharina Sartena

Penns Tochter Dylan Penn ist Papas ganzer Stolz und brilliert im Film an seiner Seite.

- © Katharina Sartena

Die Figur ist wie gemacht für Sean Penn, den man schon häufiger in zwielichtigen Rollen gesehen hat und der glatte Charaktere nicht leiden kann. "Ich mag es, wenn Figuren Ecken und Kanten haben, diese sind vielschichtiger", so Penn im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. Dass er mit seiner Tochter Dylan die Hauptrolle besetzt hat, "ist die Erfüllung eines Traums für mich. Wir haben am Set eine sehr intime Atmosphäre aufgebaut, was erst möglich war, weil Dylan eben meine Tochter ist". 

Erstmals hat sich Penn in einer seiner Regiearbeiten auch selbst besetzt und damit einen Vorsatz gebrochen: "Eigentlich wollte ich das nie machen, denn ich hatte immer Angst, dass man sich dann in dieser Doppelfunktion als Regisseur und Schauspieler sehr leicht übernimmt. Es gibt viele Beispiele, wo das gut funktioniert hat, aber eben auch viele, die daneben gegangen sind". Im Fall von "Flag Day" hatte es aber auch einen angenehmen Nebeneffekt, dass Penn sich selbst inszeniert hat: "Denn in diesem Fall musste der Regisseur in mir mit einem Schauspieler weniger streiten". 

Penns letzte Regiearbeit "The Last Face", die hier in Cannes kapital floppte, liegt inzwischen fünf Jahre zurück, "Flag Day" ist der mittlerweile siebente Film unter seiner Regie. "Trotzdem erscheint es mir so, dass jeder Film wie ein Erstlingsfilm ist", sagt Penn. "Würde ich das Regieführen als Karriere begreifen, dann würde ich wohl einen Film nach dem anderen machen, um das Skill-Set zu behalten. Aber ich glaube, das wäre nicht gut: Die meisten dieser Regisseure, die am laufenden Band drehen, machen eigentlich nur Mist". 

Da lässt sich Penn also lieber Zeit. Was man am Resultat sieht: Die Geschichte, die aus der Sicht der Tochter erzählt ist, funktioniert ganz hervorragend. Penn, der hier zu seiner inszenatorischen Hochform von "Into the Wild" zurückfindet, zeichnet die Liebe, die Jennifer Vogel für ihren von der Mutter getrennt lebenden Vater hegt, mit zärtlicher Sehnsucht und entwirft ein idealisiertes Vaterbild, das so niemals existiert hat und immer wieder enttäuscht wird. Jennifer spricht damit aus, wonach wir uns alle sehnen: Nach den verklärten Tagen einer glücklichen Kindheit.