Mit der Ausbreitung der Delta-Virusvariante spitzt sich auch beim Filmfestival in Cannes die Lage merklich zu. Hatte Festivalleiter Thierry Frémaux bis zuletzt noch davon gesprochen, dass man praktisch keine Corona-Fälle bei den hiesigen Testungen entdeckt habe, so sind in den lokalen Medien inzwischen verschiedene Zahlen zu lesen: Bis zu drei positive Fälle pro Tag würden gefunden, andere Quellen sprechen bereits von einem Cluster von mehr als 80 positiven Fällen. Schauspielerin Léa Seydoux, mit vier Filmen im Festivalprogramm vertreten, hat sich trotz Impfung mit Corona angesteckt und muss dem Festival fernbleiben.

Die Festivalleitung vermeidet indes, von einem Cluster zu sprechen, Festival-Manager François Desrousseaux spielt Gerüchte herunter, wonach das Festival sogar vorzeitig beendet werden könnte. Und auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat in seiner Fernsehansprache am Montag Abend keine Verschärfungen angekündigt, die das Festival akut treffen würden. Es geht also alles wie gewohnt weiter.

Das Nachtleben in Cannes ist auch zu Corona-Zeiten üppig. Abstand und Masken fehlen. 
- © Katharina Sartena

Das Nachtleben in Cannes ist auch zu Corona-Zeiten üppig. Abstand und Masken fehlen.

- © Katharina Sartena

Dabei wäre Vorsicht angebracht: In Frankreich sind am vergangenen Sonntag 4256 neue Corona-Fälle gemeldet worden, das sind um 66,9 Prozent mehr als am Sonntag zuvor. Das französische Gesundheitsministerium hält es für möglich, dass die täglichen Fallzahlen bis August auf 20.000 ansteigen könnten.

Beobachtern in Cannes ist schnell klar, wieso sich das Virus nun wieder schneller verbreitet. Denn zwar hat das Festival strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen und setzt alle Vorschriften um, allerdings: Lückenlos funktioniert das keineswegs. Bei den Zutrittskontrollen zu den großen Kinos Lumière und Debussy wird keinerlei Impfnachweis verlangt, sondern nur ein gültiges Ticket - wieso, wird nicht erklärt. Einen Impfnachweis oder eine Testung braucht, wer ins Palais des Festivals eingelassen werden will. Lumière und Debussy befinden sich aber in diesem Palais. Dass die Bereiche zwar von Ordnerpersonal getrennt werden, geht nicht immer gut, wie auch der Autor dieser Zeilen selbst erfahren hat. Das ist der erste Widerspruch. 

Der zweite folgt sogleich: Die meisten nicht-französischen Impfnachweise, also auch jene aus Österreich, können mit den französischen QR-Code-Scannern nicht gelesen werden. Eingelassen wird man nach einer kurzen Kontrolle des Impfdatums aber trotzdem - jedoch kontrolliert kaum jemand, ob der vorgezeigte Impfnachweis auch tatsächlich jener Person gehört, die ihn vorzeigt. Eine solche genaue Prüfung ist bei mehreren Tausend Journalisten und Festivalbesuchern auch nicht zeitsparend durchführbar. Der Pandemie ist das aber egal. 

In den Kinosälen gilt während des gesamten Films Maskenpflicht, allerdings kontrolliert diese niemand. Beim Filmfestival von Venedig letzten September wurde hingegen spezielles Personal mit Nachtsichtgeräten eingesetzt, um Masken-Sünder aufzuspüren und diese  aufzufordern, sie anzubehalten. In Cannes hat man für die Maskenmuffel nur eine vom Festivalpräsident Pierre Lescure höchstselbst eingesprochene, mahnende Tonbandansage vor Filmbeginn parat. Immerhin: Sein energischer Tonfall klingt besorgt. Aber auch das dürfte dem Virus egal sein.

Und dann ist da noch die Belegungspolitik der Kinosäle: Seit 1. Juli dürfen wieder alle Plätze in Frankreichs Kinos besetzt werden, ohne den bis dahin geltenden leeren Sitzplatz zwischen den Besuchern. Cannes nützt das sehr stark aus, und zog sich mehrfach den Groll der Journalisten zu. Als etwa am Montag Oliver Stones Doku "JFK Revisited" im Debussy-Saal gezeigt wurde, blieb der Balkon, der mehrere hundert Sitzplätze parat hält, geschlossen, um unten im Parkett für Stone ein gepackt volles Kino zu suggerieren. Solche Praktiken in einer Pandemie werden nicht folgenlos bleiben. Der Umgang mit Covid, man kann ihn nur in bestem Französisch "leger" nennen.

Was aber nützt die Aufregung, wenn draußen auf der Straße sowieso niemand mehr vor Corona Angst hat? Das Nachtleben in Cannes ist üppig und ausgelassen wie eh und je, von Abstand und Mundschutz kann da leider nicht die Rede sein. So jedenfalls gibt das Festival kein gutes Bild ab in Hinblick auf die Umsetzung eines Großereignisses in einer Pandemie.