Man könnte fast meinen, der junge Mann erzählt von sich selbst: Daniel Brühl, deutscher Superstar, aber auf einer anderen Ebene als Kollegen wie Matthias Schweighöfer, nämlich doch eher anspruchsorientiert, spielt einen Schauspieler, der gerade dabei ist, den Kernsatz seines ohnehin schmalen Dialoges in einer US-Superhelden-Produktion einzustudieren. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber es ist was Wahres dran: Oftmals ist nur ein einziger Satz so schwer zu spielen, und eine Dialoglawine geht einem ganz leicht von der Hand. Bewiesen unter anderem von Marilyn Monroe, die bei Billy Wilders "Manche mögen‘s heiß" drei Seiten Text im ersten Take schaffte, für einen einzigen Satz aber 59 Versuche brauchte.

Wie auch immer: Der Schauspieler, den Brühl in seinem Regiedebüt "Nebenan" verkörpert, der ist ganz nahe an ihm dran: Er heißt Daniel (sic!) und bewohnt ein schickes Berliner Penthouse, in einem Wohnraum, aus dem die Altmieter vertrieben wurden, weil die Miete zu billig war und man kaufkräftige Leute ansiedeln wollte. Der Schauspieler ist bekannt, er wird von einem US-Studio für eine kleine Rolle in einem Superheldenfilm gebucht, was Brühl im echten Leben bereits durchgemacht hat: Er trat als Helmut Zemo in "Captain America: Civil War" (2016) auf, und auch in "The Falcon and the Winter Soldier" (2021).

Gegensätzliche Milieus prallen aufeinander

Doch dann beginnt das Problem: Noch kurz vor der Abfahrt zum Flughafen, von wo aus er zum Casting nach London jetten soll, nimmt er in seiner Berliner Eckkneipe "Zur Brust" noch ein Getränk - und wird von einem Mann angesprochen, der ihn fortan nicht mehr in Ruhe lassen wird: Es ist schnell klar, dass Bruno (Peter Kurth) kein Fan von Daniel ist, sondern, wie sich herausstellt, der Nachbar von nebenan, der das Leben des Schauspielers seit geraumer Zeit en detail beobachtet, weil Penthäuser ja große, bodentiefe Glasfenster haben. Bruno, einstiger Stasi-Mann und Wendeverweigerer, hat penibel notiert, was so alles im Haus des Schauspielers vor sich geht.

Um das Filmvergnügen nicht zu trüben, sei hier nicht mehr verraten, nur so viel: Daniel wird nicht und nicht aus dem Berliner Beisl herauskommen, weil Bruno eine Provokation nach der anderen gegen den Schauspieler loslässt. Das verletzt oftmals dessen Ego. Und da sind Schauspieler besonders empfindlich, wie Bruno weiß.

Der dialoglastige Schlagabtausch in "Nebenan" entstammt der Feder von Daniel Kehlmann; darstellerisch ist das einwandfrei umgesetzt, mehr noch als Brühls Rolle des eitlen, egoistischen Schauspielers ist Peter Kurth hier als Bruno in wirklich lakonischer Hochform zu erleben.

"Nebenan" ist dem Neo-Regisseur Daniel Brühl rhythmisch perfekt gelungen, was auch an der Figurenzeichnung liegt: Während Brühl reichlich selbstironisch über sich und die eigene Zunft nachdenkt, ist Bruno der komplette Gegenentwurf dazu: Einer, der überzeugt ist: "Kohl und Merkel haben alles falsch gemacht", und: "Schauspieler lügen immer, und sind dann überrascht, wenn sie selbst belogen werden". Das Gespräch wird intensiver, lauter, die Aggression unumkehrbar.

Als Kammerspiel in der Berliner Kneipe, mit Bierchen und Schnaps morgens um 9 ist "Nebenan" ein perfekter Zeitspiegel und auch eine Studie zweier gegensätzlicher Milieus. Und der Film macht einen großen Spaß, mehr kann man im Kino nicht verlangen.