Das putzige gelbe Kerlchen hat ein ganz schön munteres Mundwerk. Das berühmteste Pokemon Pikachu redet unerlässlich auf Tim, einen jungen Versicherungsvertreter, der unverhofft Bekanntschaft mit dem Wesen mit Blitzschwanz gemacht hat, ein. Endlich sagt Tim zu Pikachu: "Du bist eine Halluzination!" Worauf das Taschenmonster frech erwidert: "Nein, du bist eine Halluzination!" Ein so absurder wie treffender Dialog für einen Film, in dem eine Animationsfigur auf einen Menschen trifft. Zwei Welten treffen da aufeinander - und wer kann sich schon anmaßen, zu entscheiden, welche Welt die realere ist?

Filme, denen diese Streitfrage zugrunde liegt, haben dieser Tage wieder Hochkonjunktur: Diese Woche startet "Space Jam - A New Legacy" im Kino, im August folgt "Tom & Jerry". In letzterem jagt wie gehabt der mäßig vom Glück verfolgte Kater Tom die wiederum überdurchschnittlich vom Glück verfolgte Maus Jerry - diesmal allerdings in einem New Yorker Hotel, das von echten Menschen/Schauspielern betrieben wird. Und die treten auch sehr viel mehr in Erscheinung als das normalerweise bis auf seine bestrumpften Beine körperlose Frauchen von Tom. "Space Jam - A New Legacy" wiederum steht in der Tradition seines Vorgängers aus den 90er-Jahren. Damals wurde Basketball-Star Michael Jordan in die bunte Welt der Looney Tunes, in der man alles und jeden bedenken- und folgenlos in die Luft jagen kann und wo auch sonst einige physikalische Grundgesetze nicht gelten, gesaugt. Nun ist es der Basketball-Star LeBron James, der sich von Daffy Duck für ein alles entscheidendes Match trainieren lassen muss. Oder eher muff, wie die Ente mit dem charmant-feuchtelnden Sprachfehler sagen würde. In einem schönen verbindenden Zitat flattern LeBron James einmal statt Gehirnerschütterung ein paar Tweety-Vögel um den Kopf. Das ist Michael Jordan vor 25 Jahren auch schon zugestoßen.

Ein aufgeregter Hase und ein hard-boiled Detektiv im wahrscheinlich besten Film des Genres: "Falsches Spiel mit Roger Rabbit". - © Imago
Ein aufgeregter Hase und ein hard-boiled Detektiv im wahrscheinlich besten Film des Genres: "Falsches Spiel mit Roger Rabbit". - © Imago

Fiktive Kumpanen

Der Reiz an solchen Filmen liegt in der Interaktion der Menschen mit ihren gezeichneten beziehungsweise heute eher computeranimierten Antagonisten. Denn im Idealfall merkt man dem Endprodukt nicht an, dass diese fiktiven Kumpanen beim Dreh genau das waren: fiktiv. Also: nicht da. Schauspieler (oder Basketballspieler) agieren recht einsam vor einer grünen Wand, auf die dann nachher erst das bunte Comic-Geschehen eingebaut wird. Zurück geht diese Technik in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. 1964 erschien Disneys Film "Mary Poppins". Nachdem Walt Disney geschafft hatte, P.L. Travers die Filmrechte für die regenschirmfliegende Nanny abzuluchsen, setzte er sich in den Kopf, dass die Filmversion eine nie gesehene Märchenhaftigkeit innehaben müsse. Und dafür sollten sich Zeichentrickfiguren mit echten Menschen vereinen. Der Erfinder und Techniker Petro Vlahos entwickelte dafür den Vorläufer des sogenannten Green Screens. Die Technik hieß Chroma Key: Er arbeitete mit Natrium Gas, das einen speziellen Gelbton hat. Eine weiße Wand wurde also mit dem Natrium gelbgenebelt, davor spielten die Schauspieler. Vorher hatte man für Filmtricks mit einem blauen Hintergrund gearbeitet, der aber allerlei Nachteile hatte: So führte er zu Heiligenschein-Effekten, wenn man nicht ganz exakt ausleuchtete und dazu, dass blaugewandete Schauspieler verschwanden. Das Gelb des Natriums aber hatte eine solche Wellenlänge, dass es sogar möglich war, dass Rauchfangkehrer Bert (Dick van Dyke) in "Mary Poppins" einen gelbgestreiften Anzug anhaben konnte für die Szene, in der er mit vier Pinguinen einen smarten Steptanz hinlegt. Regisseur Gary Marshall wollte übrigens für die Fortsetzung "Mary Poppins‘ Rückkehr" 2018 unbedingt wieder Pinguine mit einem Menschen tanzen lassen: die Technik mag sich verbessert haben, die Pinguine mögen nicht mehr aus der Feder der damals wichtigsten Zeichner der Disney-Studios kommen, sondern aus dem Computer, aber ohne Vlahos - und ohne Walt Disney und dessen Innovationswille - wäre das Zusammenspiel nicht möglich. Und auch Filme wie "Die Vögel" von Alfred Hitchcock nicht, genauso wie "Star Wars" oder "Jurassic Park".

Und einer der liebenswertesten, aber mittlerweile etwas vergessenen Disney-Filme der 70er: "Elliot, das Schmunzelmonster". Einer der wenigen Fälle, in denen der deutsche Titel mehr Charme hat als das englische Original, das schmucklos "Pete‘s Dragon" heißt. Elliott ist ein grüner, meist gutgelaunter Drache mit keckem pinken Haarschopf und ebenso pinken Flügelchen. Er kann Feuer speien, was ihm bei der Essenszubereitung zum Vorteil gereicht. Gesehen wird das knuffige Monster, das sich auch wie die Grinsekatze bei "Alice in Wunderland" unsichtbar machen kann, nur von Pete.

Etwas, das nicht da ist

Das machte den Dreh etwas weniger kompliziert - schließlich musste nur das Kind (Sean Marshall) so tun als sei da etwas. "Elliot, das Schmunzelmonster" zeigte nicht nur da die Pragmatik dieser Technik: Nun konnte man Geschichten, die sonst nur der Fantasie im Kopf vorbehalten waren, in tatsächlichen Bildern auf die Leinwand bringen. Gleichzeitig brachte dieser Film schon die Metaphysik solcher Mix-Filme auf den Punkt: Das ist etwas, das gar nicht da ist, aber man sieht es trotzdem.

In der virtuosesten Form hat die Interaktion zwischen Cartoon-Figur und Mensch freilich bisher ungeschlagen der Film "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" (1988) in Szene gesetzt. Das liegt zum einen an der stoischen Spielkunst von Bob Hoskins, dem man auch abnimmt, dass ihm gerade ein hysterischer Hase in den Mantel gekrochen ist, der ihn jetzt aufgeregt anschreit. Zum anderen liegt es an den animierten Figuren, wie eben jenem hysterischen Hasen Roger oder der Frau mit dem tiefsten Dekolleté und dem längsten Beinschlitz im verführerisch rotesten Kleid der Zeichentrickgeschichte, Jessica Rabbit. Alle sind sie nicht einfach nur Effektbeiwerk, sondern sie spielen eine richtige Rolle, haben einen eigenen Charakter. Und dann sind da natürlich die Szenen, wie jene, in der der menschliche Detektiv Hoskins im kleinen gelben gezeichneten Auto von Roger Rabbit fährt. Das natürlich auch nicht nur einfach ein Auto ist, sondern eine belebte Figur mit eigenem Willen und Mundwerk ist.

Tinte, Farbe, Fleisch, Blut

Im Lauf des Films passiert es und diese besondere Magie beginnt zu wirken: Man macht irgendwann keinen Unterschied mehr zwischen Gezeichneten und Menschen. Wohl auch, weil es den Figuren aus Tinte und Farbe hier tatsächlich wie den Kollegen aus Fleisch und Blut an den Kragen gehen kann. In die Luft gejagt werden ist zwar auch hier - natürlich! - kein Problem, aber eine fiese "Suppe" kann die Comic-Gesellen auflösen.

Das ist das Nonplus-Ultra, dass das Medium Film erreichen kann: Fantasie zu Realität zu machen, und sei sie noch so absurd. Und sei sie noch so halluzinationen-ähnlich. Kaum etwas ist in dieser Disziplin so meisterhaft wie dieses Mischgenre. Und das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es eine eigene Kategorie "Jessica Rabbit Pornos" im Netz gibt.