Asghar Farhadi ist mit seinem neuen Gesellschaftsdrama "A Hero" wieder ein Film gelungen, der die Festivalbesucher begeistert: Nach der Premiere in Cannes gab es minutenlange Standing Ovations für den iranischen Regisseur, der mit "Nadar und Simin - Eine Trennung" (2011) und "The Salesman" (2016) bereits je einen Oscar gewonnen hat. In "A Hero" bleibt der 49-jährige Filmemacher seinem nüchternen, dokumentarischen Stil treu und erzählt von Rahim, der im Gefängnis sitzt, weil er seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Während eines Hafturlaubs will er seine Schulden tilgen, und zwar mit einer Tasche voller Goldmünzen, die seine Freundin während seiner Haft auf der Straße gefunden hat. Doch die Münzen bringen nicht das erhoffte Geld, also beschließt Rahim, die Münzen dem rechtmäßigen Besitzer zurück zu geben. Ein Aufruf via Plakat ist erfolgreich, und die Besitzerin meldet sich. Überglücklich bedankt sie sich bei dem ehrlichen Finder, und als das Gefängnis von der noblen Tat erfährt, werden die Medien auf Rahim aufmerksam. Über Nacht wird er via Fernsehen und Social Media sozusagen zum Helden, weil er in seiner an sich aussichtslosen Situation nicht der Versuchung erlegen ist, sich zu bereichern, sondern ein ehrlicher Finder war. Bald aber werden Zweifel an der Geschichte laut und Rahims Motive werden angezweifelt.

Farhadi hinterfragt in "A Hero" die stärker werdende Rolle der sozialen Medien und übt hierbei auch Kritik an deren zunehmender Wichtigkeit in der Gesellschaft. "An einem Punkt im Film wird auch die Frage gestellt, ob man wirklich ein Held ist, wenn man etwas tut, was ohnehin selbstverständlich sein sollte: Nämlich Gefundenes zurückzugeben", sagt Farhadi im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. 

Farhadi und Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux auf den Stufen des Festivalpalais.  
- © Katharina Sartena

Farhadi und Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux auf den Stufen des Festivalpalais. 

- © Katharina Sartena

"Mein Kino ist stark am italienischen Neorealismus orientiert, das ist sozusagen mein Haupteinfluss", so der Filmemacher. Seine Bilder sind unaufgeregt und bewusst nicht geschönt oder komponiert. "Ich arbeite sehr gerne mit dokumentarischen Bildern, weil ich so mehr Wahrhaftigkeit in meine Filme bringen kann", sagt Farhadi. "A Hero" reiht sich ästhetisch genau dort ein, wo "Nader und Simin" aufhörte. Nach Ausflügen ins Ausland - Farhadi drehte bereits Filme in Frankreich und Spanien - ist "A Hero" nun wieder in seiner Heimat Iran entstanden. "Dreharbeiten sind an jedem Ort der Welt gleich. Vielleicht fällt es mir daheim leichter, weil ich die Sprache kenne und die Menschen auch", sagt Farhadi.

Im Unterschied zu etlichen seiner Kollegen im Iran, die wegen ihrer Kritik am Regime mit Berufsverboten oder Hausarresten und Reisebeschränkungen belegt sind (etwa Jafar Panahi), ist der offizielle Iran auf Farhadi sogar stolz. Der Regisseur hat das Regime nie offen kritisiert, gilt als jemand, der zumindest nicht öffentlich dagegen wettert, und in seinen Filmen nur Gesellschaftskritik übt, die für jedes Land der Welt gelten könnte. Dennoch zeigt er sich solidarisch mit den vom Staat geschassten Kollegen: "Wir sitzen alle im selben Boot", meint Farhadi. "Jeder kämpft mit seinen Mitteln darum, gehört zu werden".