Der Freitagabend in Cannes hatte einen österreichischen Siegerfilm. Was kein Wunder war, ritterten doch um den Jurypreis in der Kategorie Un Certain Regard beim mondänen Filmfestival an der Côte d'Azur heuer zwei heimische Filme. Letztlich hat sich Sebastian Meise mit "Die große Freiheit" gegen C.B. Yi mit "Moneyboys" durchgesetzt.

Meise, 1976 in Kitzbühel geboren und einst Regiestudent Michael Hanekes an der Wiener Filmakademie, behandelt in seinem zweiten Langspielfilm die Verfolgung Homosexueller in Nachkriegsdeutschland. Die österreichisch-deutsche Koproduktion mit den beiden Hauptdarstellern Franz Rogowski und Georg Friedrich zeigt eine berührende Geschichte von der Suche nach Liebe und Zuneigung hinter Gefängnismauern.

Das Glück wiedergefunden? In "Red Rocket" kehrt ein Ex-Pornostar von L.A. zurück in seine texanische Heimat zwischen enttäuschten Träumen und riesigen Öl-Raffinerien. - © Festival de Cannes
Das Glück wiedergefunden? In "Red Rocket" kehrt ein Ex-Pornostar von L.A. zurück in seine texanische Heimat zwischen enttäuschten Träumen und riesigen Öl-Raffinerien. - © Festival de Cannes

Den Großen Preis der Sektion vergab die Jury unter dem Vorsitz der englischen Regisseurin Andrea Arnold an den Film "Unclenching the Fists" der Russin Kira Kovalenko. Der Preis für Originalität ging an den isländischen Film "Lamb" von Vladimir Johannsson, den Ensemblepreis bekam die tunesische Schauspielerin und Regisseurin Hafsia Herzi für "Bonne Mere", der Preis für Mut ging an "La Civil" von Teodora Ana Mihai. Mit einer besondere Erwähnung wurde "Noche De Fuego" von Tatiana Huezo bedacht.

Asghar Farhadi (2.v.r.) und sein Team in Cannes. - © K. Sartena
Asghar Farhadi (2.v.r.) und sein Team in Cannes. - © K. Sartena

Wer holt die Goldene Palme?

Am Samstag aber, da geht es um den ganz großen Sieger dieser 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Wem wird US-Regisseur Spike Lee, der erste schwarze Präsident der Cannes-Jury, die Goldene Palme überreichen?

Es kann einer der großen Namen sein. Etwa Asghar Farhadi, dessen gesellschaftskritisches Drama "A Hero" in Cannes bei Publikum wie Kritikern auf viel Zuspruch traf. Oder Wes Anderson, der mit "The French Dispatch" eine liebevolle Hommage an edle Magazine wie "The New Yorker" drehte, die man wieder und wieder sehen muss, bis sie sich einem völlig erschließt. Oder gibt die Jury unter ihrem Präsidenten Spike Lee die Goldene Palme vielleicht an die fiebrig-hysterische Romanverfilmung "Petrov’s Flu" von Kirill Serebrennikow, der russische Regisseur, der sein Land nicht verlassen darf, weil er bei Putin in Ungnade gefallen ist?

Es könnten auch die Außenseiter sein, vielleicht das überaus gelungene Drama "Lingui" des aus dem Tschad stammenden Mahamat Saleh-Haroun über eine verbotene Abtreibung nach einer Vergewaltigung. Vielleicht Sean Bakers schrilles Porno-Märchen "Red Rocket", in dem sich ein Ex-Pornostar mithilfe einer 17-jährigen Donutverkäuferin namens Strawberry zurück ins Business vögeln will. Oder warum nicht "Die Geschichte meiner Frau" der Ungarin Ildikó Enyedi, in dem ein Seemann einfach Léa Seydoux anspricht, ob sie ihn heiraten will, und diese Ja sagt; bald aber schon weiß der Seefahrer, dass sie die Treueste nicht ist, die gute Gattin.

Der ganze Reichtum des Weltkinos

Es gab bei den 74. Filmfestspielen von Cannes so einige bemerkenswerte Filme zu entdecken, und da sind die letzten Titel im Wettbewerb vor Redaktionsschluss noch gar nicht gelaufen: Etwa Justin Kurzels "Nitram" oder Joachim Lafosses "Les Intranquilles". Immerhin hat Thierry Frémaux mit seiner Auswahl einmal mehr den Reichtum des Weltkinos gespiegelt, und das, obwohl die Pandemie dieses wunderbare Medium ziemlich an die Wand gedrückt hat. In Cannes hat man davon freilich nichts gemerkt: Trotz Corona waren die Kinos knallvoll, und man wurde leider auch den Eindruck nicht los, die Franzosen würden für die Stellung des Festivals von Cannes in der Welt jedes Risiko in Kauf nehmen, nur, damit es stattfinden kann. Ob alles gut ausging, wird man erst in zwei Wochen wissen, nach Ende der möglichen Inkubationszeit.

Es lohnt sich, bei manchen Filmen genauer hinzusehen: Der erwähnte "Red Rocket" zum Beispiel, das ist freches Kino, das in Pop und Porno wildert, und seine Geschichte vom nach Texas heimkehrenden Pornostar aus L.A. mit viel Leidenschaft und ausgesprochen scharf gezeichneten Charakteren vorträgt. Die Sexyness mancher Szene schlägt oft blitzschnell um in Fremdschämen, aber auch in Gewalt, oder in Tristesse. Das Setting in einem provinziellen Texas liefert dazu zwischen gewaltigen Ölraffinerien und zerstörten Träumen gleich das zugehörige Gesellschaftsbild mit: Hier hat Trump 2016 seine Wahl gewonnen, bei denen, die das Leben enttäuscht hat und die sich nur mehr noch betäuben wollen. "Red Rocket" ist eines der treffendsten Amerika-Porträts seit vielen Jahren.

Auch "Die Geschichte meiner Frau" verdient einen genaueren Blick: Ildikó Enyedi, 2017 für ihr romantisches Melodram "Körper und Seele" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, hat einen Roman von Milán Füst verfilmt, der von wahrer Liebe und grober Enttäuschung handelt. Wenn Lizzy ihren Schiffskapitän mit ihrem Lächeln ansieht, dann vergisst dieser, was Steuerbord und Backbord ist. Der Film, eingeteilt in sieben Kapitel, ist ganz wunderbar gespielt und stimmig umgesetzt. Man spürt auch die Leidenschaft der 66-jährigen Regisseurin, die angibt, dass die Buchvorlage sie schon im Teenager-Alter nachhaltig beeindruckt hatte. "Es berührt ganz direkt - ohne philosophische Anmaßung - den Sinn des Lebens", meint Enyedi.

Ernste Zweifel an der Ehrlichkeit des Finders

Kann auch Asghar Farhadi hier gewinnen? "A Hero" erzählt von Rahim, der im Gefängnis sitzt, weil er seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Während eines Hafturlaubs will er seine Schulden tilgen, und zwar mit einer Tasche voller Goldmünzen, die seine Freundin auf der Straße gefunden hat. Doch die Münzen bringen nicht das erhoffte Geld, also beschließt Rahim, die Münzen dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Als das Gefängnis von der noblen Tat erfährt, werden die Medien auf Rahim aufmerksam. Über Nacht wird er via Fernsehen und Social Media sozusagen zum Helden, weil er in seiner an sich aussichtslosen Situation nicht der Versuchung erlegen ist, sich zu bereichern, sondern ein ehrlicher Finder war. Bald aber werden Zweifel an der Geschichte laut und Rahims Motive werden hinterfragt. "A Hero" ist Gesellschaftskritik und anspruchsvolles Kino, man hat genau diesen Mix bei Farhadi doch schon öfter gesehen. Spike Lee sollte sich in Cannes anschicken, etwas Neues und Gewagtes auszuzeichnen.