Es ist eigentlich eine Sensation: Der Hauptpreis der Filmfestspiele in Cannes geht erst zum zweiten Mal (!) an eine Frau: Die Jury unter dem Vorsitz von Spike Lee zeichnete am Samstag das Fantasy-Drama "Titane" der Französin Julia Ducournau mit der Goldenen Palme aus - zuletzt hatte die Neuseeländerin Jane Campion 1993 für "Das Piano" den begehrten Preis erhalten.

Spike Lee sorgte für einige Überraschung, als er gleich zu Beginn der Gala die Preisträgerin der Goldenen Palme verkündete. Eigentlich sollte Spike Lee als erstes den Preis für den besten männlichen Darsteller bekanntgeben, mit seinem Versehen, "Titane" zu nennen, sorgte er für eine etwas peinliche Pause.

Bester Schauspieler Caleb Landry Jones. 
- © apa / afp/Valery Hache

Bester Schauspieler Caleb Landry Jones.

- © apa / afp/Valery Hache

"Titane" gilt als der gruseligste und gewalttätigste Film des diesjährigen Wettbewerbs. Er erzählt die Fantasy-Geschichte einer jungen Frau, die Sex mit Autos hat, hemmungslos tötet und vorgibt, ein Bub zu sein, obwohl sie von einem alten Cadillac schwanger ist. Der als feministischer Horrortrip bezeichnete Film mit dem französischen Model Agathe Rousselle in der Hauptrolle hat die Genregrenzen verschoben und ist nicht nur eine zeitgemäße Darstellung von Geschlechterrollen, sondern spielt vortrefflich mit Klischees. Eine junge Frau bekommt nach einem Autounfall eine Titanplatte in den Schädel eingesetzt, was ihrer Liebe zu Autos keinen Abbruch tut - und ihrer Lust, jeden und jede abzuschlachten, der/die sich ihr in den Weg stellt, auch nicht. Auf ihrer Flucht nimmt sie die Identität eines zehn Jahre zuvor verschwundenen Buben an, dessen Vater (Vincent Lindon), ein Feuerwehrmann, seine Männlichkeit mit Hormonspritzen aufpäppelt. Schrille Figuren, ein durch und durch verstörend-genialer Film, eine absolut verdiente Auszeichnung.

Für die beste männliche Rolle ausgezeichnet wurde dann der US-Schauspieler Caleb Landry Jones für seine erschütternde Rolle eines jungen Mannes mit Borderlinesyndrom in dem australischen Film "Nitram" über das Massaker von Port Arthur von 1996. Einen Film über die Massenschießerei zu drehen, bei der 35 Menschen getötet wurden, löste in Australien scharfe Kritik an Regisseur Justin Kurzel aus.

Als beste weibliche Darstellerin wurde die 33-jährige Norwegerin Renate Reinsve für ihre Rolle in "The Worst Person in the World" des norwegischen Regisseurs Joachim Trier ausgezeichnet. Ihre Darstellung einer jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die durch ihre Beziehungen rast, sorgte in Cannes für Begeisterung.

Für das beste Drehbuch des Films "Drive My Car" wurden die Japaner Hamaguchi Ryusuke und Takamasa Oe ausgezeichnet. Mit der Goldenen Ehrenpalme war bereits zu Beginn des Festivals die zweifache Oscar-Gewinnerin Jodie Foster aus den USA geehrt worden.

Der Iraner Asghar Farhadi bekam ex aequo mit dem Finnen Juho Kuosmanen den Großen Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals. "Hytti No 6" von Kuosmanen ist ein stilles, lakonisches Roadmovie auf Schienen, Farhadi liefert ein hochqualitatives Drama über einen Häftling ab, der durch eine gute Tat zum Helden und Liebling der (sozialen) Medien wird. Bester Regisseur wurde Leos Carax, der für den Cannes-Eröffnungsfilm "Annette" ausgezeichnet wurde. 

In diesem Jahr standen 24 Filme an der Côte d'Azur im Wettbewerb, bei vier von ihnen führten Frauen Regie. Ein österreichischer Beitrag befand sich heuer nicht im Wettbewerb an der Croisette, in der Reihe "Un certain regard" gewann jedoch die österreichische-deutsche Koproduktion "Die große Freiheit" von Sebastian Meise. Die Festspiele fanden unter Corona-Auflagen statt, nachdem sie im vergangenen Jahr ausfallen mussten. Zuletzt hatte 2019 der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho die Goldene Palme für seinen Film "Parasite" erhalten. (apa)