Bei den Teenagern der 1980er und 1990er Jahre werden alte Gefühle wach, wenn sie Rod Stewarts Ballade "Sailing" hören; denn die hat man damals in den Schulskikurs-Discos und Sommercamp-Partys rauf und runter gespielt und dabei vielleicht erste zärtliche Berührungen beim Gegenüber getätigt, während man sich dazu langsam im Kreis drehte.

Genau so eine Erinnerung treibt auch François Ozon um, diesen französischen Regie-Tausendsassa, der Jahr für Jahr mit einem neuen Film überrascht. Gerade erst stellte er in Cannes sein neues Drama vor, es geht um Sterbehilfe. Währenddessen läuft sein im Vorjahr gedrehtes Liebesdrama "Sommer 85" in unseren Kinos an, ein Film, der so ziemlich das Gegenteil ist, weil er das juvenile Leben feiert, die vermeintliche Unsterblichkeit, die jeder Teenager in sich spürt, zumindest irgendwann einmal. Und mit "Sailing" in der Disco und zu Ende des Films setzt Ozon die emotionalen Höhepunkte dazu.

Der Film basiert auf dem Roman "Tanz auf meinem Grab" von Aidan Chambers, Ozon selbst hat auch das Drehbuch verfasst. Es ist die Geschichte einer stürmischen Liebe: Der 16-jährige Alexis (Félix Lefebvre), der in einem Badeort an der Küste der Normandie beinahe mit einem Segelboot kentert, wird vom 18-jährigen David (Benjamin Voisin) gerade noch aus dem Wasser gezogen; für seinen Retter hat Alexis bald nicht nur Dankbarkeit übrig, sondern auch Emotionen, die ihm aus jeder Pore zu quellen scheinen, und das sexuelle Erwachen des jungen Mannes fokussiert bald allein auf den charmanten, feschen und kommunikativen David. Alexis hat sich verliebt.

Aber von Beginn an macht Ozon klar, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird, wenn Alexis aus dem Off Unheilvolles vorwegnimmt. Das steigert die Spannung dieses Sommermärchens mit Hang zur Tragik; freilich ist die erste Zeit zwischen David und Alexis wie ein Triumph der Zärtlichkeit, und auch Davids Mutter, liebenswürdig aufgekratzt gespielt von Valeria Bruni Tedeschi, heißt Alexis so herzlich willkommen, dass er sogar bald in ihrem Laden aushilft, um sich etwas dazuzuverdienen. Die Dinge ändern sich, als die 21-jährige Touristin Kate (Philippine Velge) zwischen die beiden tritt und der Fokus der Liebe zusehends unscharf wird.

Gleißendes Sommerlicht

Ozon inszeniert das alles im gleißenden Licht eines Sommers, wie er als Erinnerung in uns allen existiert. Kein Wunder, denn Ozon, der die Romanvorlage als 17-Jähriger gelesen hatte und sich damals selbst gerade in einer Phase befand, in der er seine Emotionen erkundete, bringt genau dieses Gefühl wieder auf die Leinwand - und "Sailing" hilft ihm dabei sehr.

"Sommer 85" funktioniert als Coming-of-Age-Drama ebenso wie als spannungsgeladene Beziehungsgeschichte, als schwule Lovestory und als Geschichte von jemandem, der durch sein naives Auge die Welt erst entdecken muss. Die Frage, die Ozon dem Publikum stellt, ist ebenso simpel wie clever: Kann es sein, dass wir die Leute, die wir lieben, erfinden? Ist in der Liebe alles bloße Projektion und Fantasie? Zumindest für die Tanzabende im Sommercamp galt dies durchaus.