Irgendwie tangiert die Flüchtlingskrise seit 2015 alle Menschen in diesem Land, weil man immer auch persönliche Erfahrungen damit in Verbindung bringen kann. David Clay Diaz hat ein Panoptikum solcher Erfahrungen in seinem Spielfilm "Me, We" (jetzt im Kino) zusammengestellt: In episodenhaften Geschichten erzählt er von den unterschiedlichsten Zugängen zum Thema Flucht und Asyl, und es ist die Sicht der Österreicher auf dieses umstrittene Thema, die hier im Mittelpunkt steht. David Clay Diaz siedelt seine unterschiedlichen, nicht miteinander verwobenen Handlungsstränge im Sommer der Fußball-EM an, zu einer Zeit also, da Gemeinsames vor dem Trennenden stehen sollte, weil der Fußball ja ein völkervereinender Sport ist, zumindest in der Theorie.

Der Regisseur beobachtet seine Figuren in ihrem Umgang mit dem Thema: Marie (Verena Altenberger) hat es mit ihrem Backpack nach Lesbos verschlagen, weil sie dort in einem NGO-Camp gerade ankommende Flüchtlinge erstversorgen will. Gerald (Lukas Miko) leitet in Wien ein Flüchtlingsheim, zerbricht aber fast an der tagtäglichen Herkules-Aufgabe, die jungen Asylwerber, man muss es so sagen, "unter Kontrolle" zu bringen.

Flüchtling im Keller

Petra (Barbara Romaner) hat sich eines Flüchtlings angenommen: Mohammed (Mehdi Meskar) wird kurzerhand im Keller einquartiert und soll bestmöglich integriert werden, doch in der Beziehung zur Gastgeberin braut sich ein Gewitter zusammen. Schließlich gibt es dann noch den halbstarken Marcel (Alexander Srtschin) aus der Gänserndorfer Provinz, der in der Landdisco Schutzbedarf für die gleichaltrigen, österreichischen Mädchen ortet, die er durch "die Asylanten" mehr und mehr bedroht sieht. Mit seiner Gang gründet er die "Schutzengel AG", ein Escort-Service mit ultrarechtem Anstrich, das den Mädels anbietet, von der Disco sicher nach Hause geleitet zu werden.

Viele Menschen, viele unterschiedliche Haltungen, Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse. "Me, We", der bei der Diagonale im Juni uraufgeführt wurde, besticht durch seine authentischen Figuren, allen voran durch den Flüchtlingsheim-Leiter Gerald, dessen Darsteller Lukas Miko völlig zurecht mit dem Schauspielerpreis der Diagonale ausgezeichnet wurde.

Dass Regisseur David Clay Diaz so konsequent aus Sicht der Europäer auf die Flüchtlingskrise erzählt, hat einen Grund: "Bisher gab es wenige Annäherungen an europäische Ängste, Haltungen, Gedanken, Sichtweisen. Aber um ein Problem, ein politisches Phänomen verstehen zu können, muss man sich diesem aus allen möglichen Blickwinkeln annähern", so der Filmemacher, der 1989 in Paraguay zur Welt kam und als Dreijähriger nach Österreich übersiedelte. "Die hier erzählten Geschichten sind Dramatisierungen all jener Begegnungen, die wir im Zuge unserer Recherchen hatten. Sie basieren auf den Geschichten realer Menschen. Wir waren in Flüchtlingscamps in Griechenland, in Heimen in Wien und Umgebung. Wir haben mit Paten und deren Schützlingen gesprochen und mit Jugendlichen, die sich politisch betätigen wollen. In jedwede Richtung, links und rechts", sagt David Clay Diaz.

"Keine Ahnung vom Leid"

Für Verena Altenberger, derzeit als Buhlschaft in Salzburg zu sehen, ist "Me, We" gerade wegen der aufwendigen Recherche von großem Wert: "Dieser Film war die für mich filmisch wichtigste Arbeit seit ‚Die beste aller Welten‘, sagt Altenberger. "Weil es viel mehr war als nur Dreharbeiten. Wir waren auf Lesbos, haben dort mit Volunteers, Geflüchteten, Einheimischen, und Menschen ohne Obdach geredet, gelernt und gedreht. Und ich habe erfahren, dass ich nicht einen Funken Ahnung habe von Leid, Flucht und Hoffnungslosigkeit. Und dann hat David Clay Diaz einen Film daraus gemacht, der lustig, seltsam, schön, böse und abgründig ist. Der uns unsere Grenzen aufzeigt".

Für den Regisseur sind diese Grenzen dazu da, Berührungsängste mit uns selbst abzubauen: "Die tiefen Einblicke in die uns gebotenen Gedanken, Ängste und Haltungen - denen man sonst skeptisch auf Distanz begegnet - können einen Beitrag dazu leisten, einander in dieser Zeit der Verwirrung besser zu verstehen.