Noch sind sie eine Seltenheit, die Geschichten, die den Wilden Westen aus weiblicher Sicht erkunden. Aber sie werden mehr, etwa mit Kelly Reichardts "Meeks Cutoff", der deutlich machte, dass die Frau im 19. Jahrhundert in den jungen USA durchaus eine Rolle spielte; die hat man im staubigen Western-Genre eher vergessen, man hat die Frauen als Aufputz missbraucht, sie als Hure oder als zerbrechliche Schutzbedürftige gezeichnet.

Vor allem Filmemacherinnen gehen da heute einen differenzierteren Weg, wenn sie die Weiblichkeit des Westens untersuchen. Die norwegische Regisseurin Mona Fastvold zum Beispiel: Sie stellte beim Filmfestival von Venedig im Vorjahr ihren Western "The World to Come" (deutsch etwa: "Die Welt, die kommen wird", jetzt im Kino) vor, in dem es zwar das raue Leben der ruralen Bevölkerung in Upstate New York zu sehen gibt, das um 1850 vorherrschte; es ist aber auch ein Triumph der Lust, eine kleine Elegie über die Leidenschaft, die man zur damaligen Zeit weit weniger thematisiert hat als heute. Zumindest in der Rückschau, in der Imagination vieler Autoren, spielte das weibliche Begehren bislang kaum eine Rolle, vielleicht abgesehen von den Western-Groschenromanen, wo es immer auch Romanzen gab. Aber sonst war der Wilde Westen immer hart, härter, männlich.

Der andere "Wilde Westen"

"The World to Come" stößt hier gleich mehrere Türen auf: Erstens geht es in diesem Drama nicht um schießende Westernhelden, rauchende Colts und dauerbetrunkene Halunken in den Saloons, sondern um das landwirtschaftliche Gefüge im New York der 1850er Jahre. Zweitens gibt es hier nicht nur streng abgesteckte Geschlechterrollen, die klar definierten, wie die Männer sich ihre Welt untereinander aufteilten und dass die Frauen dabei kaum eine Rolle spielten. Zugleich aber steht eine lustbetonte Leidenschaft im Zentrum des Films: Das Bauernehepaar Abigail (Katherine Waterston) und Dyer (Casey Affleck, der den Film auch produzierte) hat kürzlich seine Tochter durch Diphtherie verloren. Jetzt kämpft Abigail mit dem schwindenden Glauben an Gott, und das Siedler-Dasein in beschwerlich. Sie wünscht sich nichts mehr als einen Atlas, um zu erkunden, was sonst noch ist in der Welt.

Da bekommen die beiden mit Finney (Christopher Abbott) und seiner Frau Tallie (Vanessa Kirby) neue Nachbarn, die Annäherung zwischen den Frauen geht schnell, und als ihr Tallie einen Atlas schenkt, ist es um Abigail geschehen. Die beiden Frauen entbrennen füreinander in einer Leidenschaft, die damals unmöglich gezeigt werden konnte: Ihre Liebe zueinander und die Lust, mit der sie sich begegnen, wird noch für viel Ungemach zwischen den Eheleuten und Nachbarn sorgen.

Regisseurin Mona Fastvold (l.) mit Tochter und Partner Brady Corbet, für den sie auch die Drehbücher schreibt. - © Katharina Sartena
Regisseurin Mona Fastvold (l.) mit Tochter und Partner Brady Corbet, für den sie auch die Drehbücher schreibt. - © Katharina Sartena

"Es geht um Frauen aus einer anderen Zeit, die ihre Gefühle nicht ausleben durften", sagt Vanessa Kirby über die Figuren. Und Regisseurin Fastvold, die den Film auf 16mm in einem kargen Landstrich in Rumänien gedreht hat, hat versucht, "auf die Gegenwart durch die Linse der Vergangenheit zu blicken. Dabei hilft es, sich bewusst zu machen, dass lesbische Liebesgeschichten zu jeder Zeit existiert haben. Einen Film über eine solche Liebe im Heute zu drehen, wäre keine Herausforderung. Mich hat interessiert, wie ich die Vergangenheit dazu benutzen konnte, eine viel direktere und reinere Form der Annäherung zu erzählen als sie heute durch all unsere Technologie möglich wäre."

Kirby und Waterston überzeugen hier jedenfalls in einer minimalistisch aufgebauten Performance aus zaghaften Annäherungsversuchen und großen Gefühlen. Fastvold, die bereits als Drehbuchautorin für die Regiearbeiten des Schauspielers Brady Corbet ("Vox Lux", "The Childhood of a Leader") in Erscheinung trat, findet für das weibliche Begehren in der kargen Lebensumgebung jener Zeit durchwegs fiebrige Bilder.

Im Stillen leiden

"Ich habe bei den Dreharbeiten oft darüber nachgedacht, dass es so viele Frauen in dieser Zeit gegeben haben muss, die keine Möglichkeit hatten, sich auszudrücken und die mit ihrem Begehren im Stillen leben und leiden mussten", sagt Vanessa Kirby. "Der Film gibt diesen Moment sehr gut wieder, in dem sich zwei Frauen trauten, dieses Begehren für einen kurzen Moment auszuleben."

"The World to Come" ist das neueste Beispiel eines Trends hin zu den weiblichen Perspektiven in stark männerdominierten Genres, und dabei streift man sexuelle Beziehungen in historischem Setting, die es kürzlich etwa auch in Céline Sciammas "Porträt einer Frau in Flammen" zu sehen gab. "Ich weiß nicht, ob das ein Trend ist, oder woher er kommt", sagt Regisseurin Fastvold. "Aber immerhin ist es uns heute möglich, viele der bislang nicht erzählten Geschichten aus unserer Vergangenheit endlich zu erzählen. Ich kenne Briefe von lesbischen Nonnen aus dem 17. Jahrhundert, es ist nicht so, als würden diese Begierden nicht existiert haben. Und sie sind, davon bin ich überzeugt, nur die Spitze des Eisbergs von dem, was da noch kommt."