Was ist schlimmer als eine Flugzeugentführung? Genau, eine Flugzeugentführung mit einer Vampirin an Bord! Netflix liebt spektakuläre Geschichten, das zeigt auch die neue deutsche (!) Actionproduktion "Blood Red Sky" von Regisseur Peter Thorwarth. Der hat sich für das Spektakel ein ausrangiertes Flugzeug gemietet und darin einen rasanten Horrorthriller über den Wolken gedreht, mit der Deutschen Peri Baumeister in der Hauptrolle. Als Entführerin? Mitnichten, denn diesen Job erledigt eine Gruppe von Terroristen, die äußert brutal vorgeht und nicht mit Blutvergießen spart. Bis dahin ist "Blood Red Sky" ein ganz normaler Entführungsthriller, in dem die üblichen Zutaten rasant gemischt werden: Ob das nun rollende Servierwägen sind, schockierte Passagiere, herabhängende Sauerstoffmasken oder ein Druckabfall in der Kabine, das hat man alles schon öfter gesehen. Neu aber ist, dass wegen der geheimnisvollen, alleinerziehenden Mutter Nadja (Baumeister), die mit ihrem zehnjährigen Sohn Elias (Carl Koch) an Bord der entführten Maschine ist, eine drastische Wendung in der Geschichte bevorsteht. Denn wie sich bald herausstellt, ist Nadja eine Vampirin, und zwar die letzte ihrer Art überhaupt. Viele Jahre lang hat sie ihren inneren Drang nach Menschenblut gut unter Kontrolle gehabt, Medikamente haben ihr dabei geholfen. Aber jetzt steht sie plötzlich vor der schwierigen Entscheidung, ob sie ihrem Sohn weiterhin eine liebevolle Mutter sein will oder doch lieber die Terroristentruppe dahinrafft. Eigentlich klar, wofür sich Nadja entscheiden wird, denn sobald das erste Menschenopfer an Bord blutüberströmt zu Boden geht, ist der Duft nach dem Lebenssaft für Nadja einfach zu unwiderstehlich. Aus den Jägern an Bord dieses Nachtfluges von Deutschland nach New York werden plötzlich die Gejagten.

Nachtflug über den Atlantik

Wem so ein absurder Plot einfällt? Dem Regisseur höchstpersönlich: Peter Thorwarth, der gemeinsam mit Stefan Holtz das Drehbuch schrieb, soll während eines Atlantikfluges auf die Idee gekommen sein. Die Frage war: Wie würde ein Vampir wohl verreisen? Natürlich mittels Nachtflug, denn Tageslicht vertragen Vampire bekanntlich nicht. Was könnte dann alles passieren, auf so einem Flug mit so einem speziellen Passagier? "Blood Red Sky" gibt die Antworten darauf.

Die Figuren bleiben überwiegend eindimensional, das beginnt bei den Passagieren und endet bei den Kidnappern. Als schwuler Flugbegleiter badet der Deutsche Alexander Scheer knietief in Klischees, ehe er sich als Entführer outet und dann zum Megapsychopathen über den Wolken wird, der Spaß daran hat, Kinder zu töten. Dem Einhalt gebieten will der eher ruhige Anführer der Truppe, gespielt von Dominic Purcell ("Prison Break"), dessen Figur nicht ausgearbeitet ist und daher nur als Stichwortgeber fungiert. Immerhin: Kinder sind für diesen Ganoven tabu, das macht er klar. Peri Baumeisters Triebkraft in der Metamorphose von der über die eigene Bosheit schockierten Frau hin zu einer zusehends entmenschlichten Bestie gelingt auf ganzer Linie, auch, weil hier der Antrieb, das eigene Kind unter allen Umständen zu beschützen, die leitende Macht darstellt; am Ende ist diese Frau auf allen vieren und rammt ihre Eckzähne in so viele Hälse wie nur möglich. Was Vampire halt so tun.

Will man das Ganze auf eine Metaebene heben, dann kann man über das Tierische in uns diskutieren, aber damit hält sich "Blood Red Sky" dann doch nicht wirklich auf. Zehn Jahre lang lag Thorwarths Skript in der Schublade, ehe es von Netflix akquiriert wurde. Ein Zeichen, wie sehr der Streaming-Riese auf Nischenprogramme innerhalb des Mainstreams setzt. Ohne Netflix hätte es "Blood Red Sky" vermutlich nie gegeben. Der Film hat in seinem Genre durchaus seine Berechtigung, aber man muss auch sagen: So manches Drehbuch hätte es auch in der Schublade sehr gemütlich.