Katharina Rogenhofer, heute Koordinatorin des Klimavolksbegehrens, startete im Dezember 2018 mit Freunden die Bewegung Fridays For Future in Wien. Als studierte Biologin findet sie sich als Aktivistin in der Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Politik wieder.

Doch wie fühlt sich das Leben einer Aktivistin an? Eine Frage, die auch die Doku "Now" (in Kürze im Kino) aufgreift - und auch Rogenhofers neues Buch. Ein Gespräch über die Kraft von Demonstrationen und eine schönere Welt.

"Wiener Zeitung": Wie definieren Sie den Begriff Aktivist?

Aktiv fürs Klima: Katharina Rogenhofer. - © Ines Futternknecht
Aktiv fürs Klima: Katharina Rogenhofer. - © Ines Futternknecht

Katharina Rogenhofer: Jemand, der in irgendeiner Form ein gesellschaftspolitisches Anliegen hat und das in Form einer Aktion auch zeigt. Man hat eine Vision, die man in die Gesellschaft hineintragen will und diese verändern soll.

Würden Sie sich selbst als Aktivistin bezeichnen?

Für mich war die Definition anfangs problematisch, weil ich aus der Wissenschaft komme. Da ist man vorsichtig mit absoluten Aussagen oder politischen Forderungen. Aber ich habe mich mit diesem Begriff angefreundet und würde mich mittlerweile als politische Aktivistin bezeichnen. Die Dringlichkeit der Klimakrise ist da und der Schritt in den Aktivismus war extrem wichtig.

Wie hat sich der Schritt von Forschung zu Aktivismus angefühlt?

Normalerweise, wäre die Klimakrise nicht so dringlich, bin ich für Aktivismus nicht geschaffen. Ich mag weder Menschenmassen noch Demonstrationen. Lieber würde ich forschen. Aber sich aufzuregen, hat es für mich leichter gemacht, im Feld der Aktivisten anzufangen. Zumal sich die Wissenschaft rasch hinter Fridays For Future gestellt hat und gesagt hat: Diese Menschen sind berechtigt, auf die Straße zu gehen. Im Nachhinein umarme ich diese Selbstbezeichnung, weil es so schön ist, den Anspruch zu haben, eine schönere Welt mitzugestalten.

Wie wird man eine der Hauptorganisatorinnen von Fridays For Future?

Ich bin dort hineingestolpert. 2018 habe ich ein Praktikum bei den Vereinten Nationen gemacht und war in Katowice, Polen, auf dem jährlichen UN-Klimagipfel. Neben Greta Thunberg waren Klimaaktivisten aus der ganzen Welt vor Ort. Die menschlichen Geschichten bekamen dort ein Gesicht; Leute, die ihre Heimat aufgrund des Meeresspiegelanstiegs verlieren oder aufgrund extremer Dürre flüchten müssen. Johannes und Phil, die anderen Mitbegründer, und ich haben beschlossen, wir müssen etwas machen, weil auf der Konferenz überhaupt nichts voranging. Als wir im Dezember zurück waren, haben wir den ersten Streik für den 21. Dezember 2018 angesetzt. 60 Personen nahmen teil.

Welche Dynamiken bauen sich bei Demonstrationen auf?

Demos geben nach nächtelangem Wachbleiben und Stunden der Organisation wieder Kraft. Es gibt lange politische Durststrecken im Aktivismus. Jeder Anruf mehr, jede E-Mail mehr, jeder Mensch, den du triffst und überzeugen kannst, jede Werbung, die du auf sozialen Medien schaltest, ist wichtig. Man rennt in diesem Radl und versucht, immer mehr zu machen. In den Momenten, in denen Menschen zusammenkommen, merke ich, dass ich nicht allein bin. Tausende Menschen gehen mit mir auf die Straße, tanzen, skandieren Sprüche oder gehen als Müllsammler hinterher. Gerade beim ersten Klimastreik habe ich gedacht, was für ein cooles Gefühl - so viele Schülerinnen und Schüler sind auf der ersten Demo ihres Lebens und werden politisiert.

Welche Tipps würden Sie Jungaktivisten geben?

Auf der einen Seite will ich Greta Thunberg wiederholen: "You are never to small to make a difference." Niemand ist unbedeutend und jeder macht einen Unterschied. Das Zweite ist: Feiert Erfolge! Mit der Klimakrise werden wir noch lange zu kämpfen haben, da muss man sich Zwischenerfolge zum Energietanken nehmen. Ich male gerne das Bild von einem Ton, den man ewig halten möchte. Das schafft man nicht allein. Es braucht einen Chor, in dem die Mitglieder immer wieder Luft holen können.

Was sagt der engste Kreis zum Klimaaktivismus?

Anfangs war meine Familie beim Schritt von der Wissenschaft auf die Straße skeptisch, später haben sie mich unterstützt. Meine Freunde waren begeistert, bis sie bemerkt haben, dass ich sehr viel aufgebe und mir überhaupt keine Zeit mehr für mich bleibt. Der heftigste Gegenwind kommt aber nicht aus dem Umfeld, sondern aus den Sozialen Medien.

Wie sieht die Klimakatastrophe tatsächlich aus?

Wir haben in den letzten Wochen Vorboten gesehen: extreme Dürren, Waldbrände, Starkregen, Überflutungen, Tornados. Es wird schlimmer werden und zu Fluchtbewegungen kommen. Gerade im äquatorialen Afrika werden die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit so ansteigen, dass die Menschen vor Hitze sterben. Auch andere Regionen sind von Extremen bedroht, wie Gletscherschmelze oder dem Absterben der Korallenriffe. Die Wälder verbrennen und werden neben dem Borkenkäfer von immer mehr Schädlingen befallen. Die ganze Lebensgrundlage wird unter den Füßen weggerissen.

Und wenn Sie in eine positive Welt schauen?

Allein der Gedanke lässt mich durchatmen.(lacht und atmet tief ein) In einer lebenswerteren Zukunft fahren auf der Straße kaum Autos, Bäume sorgen für Kühlflächen und Kinder spielen. Es wird leiser und die Luftverschmutzung geht zurück. Mit nachhaltigen Verkehrsmitteln kommen wir überall hin. Energie aus Sonne und Wind müssen wir nicht mehr ewig weit transportieren. Auch die Gesellschaft wird lebenswerter. Die Ortskerne werden belebt, anstatt mit dem Auto zu Supermarkketten auf grünen Wiesen zu fahren. Menschen kommen wieder zusammen und pflegen einen friedlichen Umgang miteinander.

Könnten Sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen?

Je näher ich der Politik komme, desto weniger kann ich mir das vorstellen. Das ist ein extrem hartes Pflaster, bei dem es wenig um Inhalte geht. Ich würde mir wünschen, dass die Politiker aus ihren verschiedenen Wertehaltungen heraus das Beste für die Bevölkerung entscheiden. Aber ich merke, wie wenig Politik für die Menschen gemacht wird und wie viel Politik für Interessensgruppen - jene, die Geld haben oder am lautesten schreien. Hut ab vor allen Politikern, die eine idealistische Seite behalten und nicht zu Zynikern werden.

Wie inspiriert man andere, sich für eine klimafreundliche Welt einzusetzen?

Die meisten Menschen spüren, dass etwas falsch ist. Corona hat gezeigt, dass eine Krise, die als solche konnotiert wird, viel präsenter ist und Lösungen auf den Tisch gelegt werden. Nicht immer sind die ausreichend und es müssen immer wieder neue Maßnahmen gesetzt werden. Die Dringlichkeit ist ehrlich zu kommunizieren, ohne den Menschen das Gefühl zu geben, ohnmächtig sein. Wir müssen Bilder der Zukunft malen.

"NOW!"

DE 2020

Regie: Jim Rakete

ab 30. Juli im Kino

"What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!" - der omnipräsente Streitspruch der Klimabewegung Fridays For Future betont genauso wie der Titel des Films "Now" von Jim Rakete die Notwendigkeit, im Heute Klimaentscheidungen zu treffen.

Alle vorgestellten Protagonisten des Films verfolgen ein gemeinsames Ziel mit unterschiedlichen Strategien: vom Bäume pflanzen bis zum Stürmen von Kohleabbaugebieten. Daneben werden immer wieder Großveranstaltungen in der ganzen Welt eingeblendet.

"Ändert sich nichts, ändert sich alles."

Von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer

Hanser Literaturverlage

288 S., 20,95 Euro

Mit ihrem Faktenwissen zum Thema Umwelt und Klimakrise hat die 27-jährige Biologin Rogenhofer mit zusammen mit Physiker und Philosoph Florian Schlederer ein Plädoyer für einen Green New Deal geschrieben. Das Buch gibt Einblick in persönliche Krisen, Österreichs Klimapolitik sowie Zahlen, Daten und Fakten zur Klimakrise. Es darf als Anstoß, selbst aktiv zu werden, gelesen werden. Auch liefert es Argumente, die man gegen Ausreden parat haben kann.