Derzeit ist Lars Eidinger in aller Munde: Als Jedermann in Salzburg hat er eine neue Etappe genommen, die vielen Schauspielern als Ritterschlag gilt. Indes ist Eidinger gerade mit dem Film "Proxima" auch in den Kinos zu sehen, als Vater einer Tochter, deren Mutter als Astronautin zum Mars will. Sci-Fi mit wahrer Bodenhaftung, denn die Kinderwünsche nehmen selten Rücksicht auf die Welten überwindenden Pläne der Eltern.

"Wiener Zeitung": Ihre Vater-Rolle in "Proxima" ist sehr reduziert gespielt. Ein Unterschied zum Theater, wo alles exaltierter sein muss?

Lars Eidinger: Die Figur in "Proxima" hat nicht mehr oder weniger mit mir zu tun als Hamlet. Im Gegenteil: Als Hamlet bin ich sogar mehr ich selbst als in dieser Rolle. Aber ich weiß, was Sie meinen. Es ist beim Film eine feinere Form der Verwandlung, wobei das ein schwieriger Begriff ist, denn es geht beim Spielen gar nicht um Verwandlung oder darum, jemand anders zu sein. Schauspielen ist keine Artistik, es geht nicht darum, sich zu verstellen, sondern darum, aufrichtig zu sein, zu sich und seinen Gefühlen. Und da benutzt man die Figuren und Charaktere dazu. Ich hab nie verstanden, warum man beim Theater immer an die beiden Masken denkt, die lachende und die weinende. Es geht bei der Darstellung ja darum, diese Masken fallen zu lassen und sich zu öffnen und zu zeigen.

Der Film hat aber eine ganz andere Anforderung an Schauspieler.

Genau. Im Film wird oft ein anderer Grad an Direktheit und Authentizität verlangt. Man sagt ja schnell: So ist es ja gar nicht, wie die Polizei arbeitet, wenn man einen Krimi gesehen hat. Richtig, so ist es nicht. Man sollte sich mal einen Tag auf die Polizeiwache setzen und zusehen, wie langweilig es dort zugehen kann. Da hat die Fiktion die Möglichkeiten, Dinge zuzuspitzen und zu dramatisieren. Das interessante Phänomen dabei ist: Durch dieses Expressive, beinahe schon Künstliche kann man paradoxerweise einen anderen Grad von Aufrichtigkeit und Direktheit erfahren. Es ist gar nicht zwangsläufig so, dass der vermeintlich direktere Ton dazu führt, dass ich glaubhafter bin. Sondern ich kann auch in einer künstlichen Übertreibung glaubhaft sein. Ich kann auch in der Stilisierung mehr bei mir sein.

Eine Rolle wie in "Proxima", die hat keine Vorbilder oder Fußabdrücke, denn das ist eben eine Vaterfigur. Während der Jedermann nicht nur seine bisherigen ikonenhaft verehrten Darsteller auf dem Buckel hat.

Bei "Proxima" hat man auf dem Buckel: die Vergleiche zur Realität. Es ist schon eine Herausforderung, so etwas zu spielen: Wie redet ein Papa denn mit seiner Tochter? Man merkt, dass beispielsweise kinderlose Schauspieler sich gar nicht so leicht damit tun, weil sie nicht wissen, wie man mit Kindern redet und wie diese Elternrealität ist. Es gibt auch Eltern, die trotzdem seltsam mit ihren Kindern reden, als hätte diese nur drei Gehirnzellen. Dabei kann man ja relativ normal mit seinen Kindern reden, finde ich. Ich fand die Herausforderung toll.

Bieten Dreharbeiten durch die Möglichkeit, Takes zu wiederholen, ein größeres Sicherheitsnetz für Schauspieler als die Bühne?

Es ist ein Irrtum, dass man beim Film immer alles endlos wiederholen kann. Wenn man es beim ersten Mal nicht hinkriegt, dann ändert sich schon die Atmosphäre im Raum. Der Druck steigt, die Gesichter der anderen verraten dir: Leute, macht mal, wir haben noch ein wahnsinniges Pensum heute. Wild herumzuprobieren und sich die Freiheit zu nehmen, auch mal Dinge zu versuchen, die vielleicht misslingen, diesen Raum gibt es oft gar nicht. Beim Film muss man auf den Punkt funktionieren. Der Schnitt kann nicht alles retten, aber er kann helfen. Es gab Drehtage, an denen ich frustriert nach Hause kam, weil ich dachte, manche Takes nicht meinen Ansprüchen genügend gespielt zu haben. Am Ende stellt sich das im Film gar nicht mehr als Problem dar.

Warum sind Sie eigentlich Schauspieler geworden?

Manche behaupten, sie verkleiden sich gerne, aber das reicht mir nicht. Es ist etwas Grundsätzlicheres. Es hat damit zu tun, dass man diese Situation, angeschaut und gespiegelt zu werden, und diese Form von Bestätigung, die man erfährt, dass man das alles sucht und sich auf eine gewisse Weise dabei geborgen fühlt, wie man es vielleicht im Alltag nicht hat. Es hat eine Form von Überaufmerksamkeit, die dir widerfährt, wenn dir Hunderte Menschen zusehen. Das schafft eine ganz andere Intensität des Erlebens und des Moments. Es ist, wie wenn man schon ahnt, dass man gleich mit dem Fahrrad stürzt, und dass man gleich mit dem Kopf auf dem Asphalt aufschlagen wird, aber man kann es nicht mehr verhindern. Das hat mit Adrenalin zu tun. Das spürt man auch beim Spielen: Man steht auf einer Bühne und bekommt dann im Idealfall eine ganz andere Wahrnehmung von sich selbst und vom Gegenüber. Das kann einen wahnsinnig berauschen.

Thomas Bernhard hat einmal gesagt, der Applaus sei der Lohn des Schauspielers. Stimmt das?

Auf gar keinen Fall! Bei allem Respekt für Thomas Bernhard, aber der Applaus bedeutet gar nichts. Das, was ich an Feedback beim Spielen bekomme, diese Interaktion mit dem Publikum, bedeutet viel mehr als der Applaus. Der Applaus befremdet mich eher, denn der kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Intensität des Spielens vorbei ist. Da bin ich nicht mehr in der Figur, und der Moment ist kein spielerischer mehr, sondern ich stehe da halb privat und geniere mich tatsächlich, wenn die Leute applaudieren. Ich würde am liebsten direkt nach der Vorstellung abgehen. Das, was ich an Bestätigung erfahren will, das erfahre ich während der Vorstellung im spielerischen Moment, und nicht danach.

Im Moment, in dem der Vorhang fällt, sind Sie wieder Privatperson?

Ja. Es war für mich beispielsweise auch immer schon schwierig, mich auf einem roten Teppich fotografieren zu lassen. Da bin ich kein Spielender. Wenn ich da privat stehe, bin ich regelrecht ungeschützt und weiß gar nicht, wie ich dreinschauen soll. Tatsächlich habe ich mir schon manchmal damit geholfen, mir vorzustellen, ich bin jemand anders auf dem roten Teppich, zum Beispiel ein Cowboy.