Kaum war das von Mai auf Juli verschobene Filmfestival von Cannes zu Ende, geht mit dem 74. Filmfestival von Locarno in der Schweiz das nächste hochkarätige Festival an den Start, und zwar zum regulären Termin. Niemand hätte es noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten, dass man trotz Corona in dieser Größenordnung wird aufsperren können, und die Schweizer Medien sprechen immer noch von einer "Zitterpartie": Immerhin ist auf der berühmten Piazza Grande, Europas größtem Open-Air-Kino, normalerweise für 8.000 Zuschauer Platz, in diesem Jahr beschränkt man sich bei der Auslastung aber auf zwei Drittel. Hinzu kommen die obligatorischen Hygienekonzepte, der zwingend erforderliche Gesundheitspass und eine Sitzplatzbuchung vorab im Internet. Das verhindert jeglichen spontanen Kinobesuch, sorgt aber immerhin dafür, dass man in Locarno auf der Piazza Grande nicht schon Stunden vor Beginn der Vorstellung anwesend sein muss, um die besten Plätze zu ergattern.

"Nach den vielen Monaten des Lockdowns dürfen wir endlich wieder Filme zusammen ansehen und darüber debattieren", sagt Giona A. Nazzaro, der heuer als künstlerischer Leiter der Filmschau sein Debüt gibt, nachdem die eher glücklose Vorgängerin Lili Hinstin im September des Vorjahres nach nicht einmal zwei Jahren im Amt den Job aufgeben musste, und zwar wegen "unterschiedlicher Auffassungen über die Zukunftsstrategie" des Festivals, wie es hieß. Nazzaro, der 1965 in Zürich geborene italienische Filmpublizist mit Wohnsitz in Rom, leitete zuvor die Settimana della critica, die Woche der Filmkritik beim Filmfestival von Venedig. Jetzt verantwortet er das nach Cannes, Venedig und Berlin wichtigste A-Festival der Welt. "Ich möchte versuchen, die Geschichte des Festivals weiterzuschreiben - aber alles mit dem nötigen Respekt vor der Vergangenheit des Filmfestivals und seiner Bedeutung in der Filmwelt", so Nazzaro in einem Interview. "Für mich ist Locarno ein Symbol für die leidenschaftliche Liebe zum Kino, also die Cinéphilie".

Starke österreichische Beteiligung in Locarno

Ein Bekenntnis, das dem Festival in der Vergangenheit den Ruf eingebracht hat, hier nicht nur publikumswirksame Filme auf der Piazza Grande zu zeigen, sondern vor allem auf Entdeckungen aus aller Welt zuzugehen. Im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden stehen ab heute, Mittwoch, 17 Filme. Einer davon kommt aus Österreich: Peter Brunners neueste Arbeit "Luzifer" mit Franz Rogowski. Der spielt den Einfaltspinsel Johannes, der mit seiner Mutter auf einer Alm lebt, und das friedliche Gefüge gerät ins Wanken, als hier der Tourismus Einzug hält.

Brunners Film steht unter anderem im Bewerb mit "Zeros and Ones" von Abel Ferrara, "Soul of a Beast" des Schweizers Lorenz Merz oder mit "Medea" des Russen Alexander Zeldovich. Auf der Piazza Grande wird Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky mit "Hinterland" sein neuestes Werk präsentieren, das ins Wien der 1920er Jahre entführt, in dem ein einstiger Kriminalbeamter nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft mit einem schrecklichen Mord konfrontiert wird. Ebenso auf der großen Piazza-Leinwand zu sehen: Liesl Tommys US-Biopic "Respect" über Aretha Franklin, Gaspar Noés "Vortex", Shawn Levys Sci-Fi-Actionkomödie "Free Guy" oder Kim Ji-hoons "Sinkhole" aus Südkorea. Eröffnet wird das Festival am Mittwoch Abend mit der Weltpremiere der Netflix-Produktion "Beckett" von Ferdinando Cito Filomarino. Der Italiener erzählt mit John David Washington, Alicia Vikander und Vicky Krieps einen Thriller, in dem ein US-Tourist in Griechenland zum Ziel einer Menschenjagd wird.

Trotz Corona kommen auch die Stars zurück nach Locarno: Neben John David Washington hat sich auch Regielegende John Landis ("Blues Brothers") angekündigt, der hier einen Leoparden für sein Lebenswerk erhalten wird. Auch dabei: Model und Schauspielerin Laetitia Casta, die den Excellence Award erhält. Der Ansatz von Neo-Leiter Giona A. Nazzaro dürfte jedenfalls schon bei seiner ersten Festivalausgabe gefruchtet haben. Die Mischung aus Kunst und Unterhaltung ist ihm wichtig. "Mein oberstes Ziel ist es, Langweile beim Publikum zu verhindern", sagt Nazzaro. "Das Leben ist sehr kostbar und wir dürfen keine Zeit verschwenden."