Der Wettergott meinte es nicht gut mit dem Filmfestival von Locarno: Auf der Piazza Grande war der Eröffnungsfilm "Beckett" jedenfalls verregnet, die ein wenig entfernt liegende Ersatzspielstätte Fevi bietet eher sprödes Turnhallenambiente denn großes Kino vor prachtvoller Kulisse. Aber so ist das eben im Tessin: Manchmal quält einen das Wetter jenseits der 30 Grad, heuer ist es eben anders: 15 Grad, das ist kein Wetter für eine Open-Air-Vorstellung.

Dafür ließen es sich die Stars des italienischen Eröffnungsfilms nicht nehmen, bei der Premiere des Actionthrillers persönlich anwesend zu sein: John David Washington und Vicky Krieps gaben den ganzen Nachmittag über Interviews, ehe sie über den roten Teppich schritten - bei trübem Dauerregen. 

Giona A. Nazzaro ist der neue künstlerische Leiter des Locarno-Filmfestivals. 
- © Katharina Sartena

Giona A. Nazzaro ist der neue künstlerische Leiter des Locarno-Filmfestivals.

- © Katharina Sartena

Die Corona-Beschränkungen taten ihr Übriges, um den Premierengästen das Leben zu erschweren: Ohne Nachweis einer vollständigen Impfung oder negativen Testung gab es für die Gäste keinen Zutritt zu den Kinos. Auch dieses Festival muss - wie zuvor Cannes und Venedig - erst umgehen lernen mit der Pandemie. Die Schweizer sind allerdings gut vorbereitet, man befolgt den selbst auferlegten strengen Regelkanon bislang gut.

Und so kann man sich in Locarno nach der Absage des Vorjahres endlich wieder dem Wesentlichen widmen: Dem Kino. Mit "Beckett" hat man hier italienisches Genrekino mit internationalem Anspruch gezeigt. Ferdinando Cito Filomarino inszeniert John David Washington als US-Tourist Beckett, der mit seiner Freundin (Alicia Vikander) in Griechenland urlaubt. Nach einem folgenschweren Unfall wird Beckett in eine verworrene Geschichte hineingezogen: Entführer eines Buben, dessen Vater politisch tätig ist, sind hinter ihm her, weil er den Buben gesehen haben will. Eine Hetzjagd beginnt, die Beckett auch mit einer deutschen Aktivistin (Vicky Krieps) zusammenbringt. 

Die rasante Geschichte hält trotz schmalen Budgets den Erwartungen eines Action-Publikums stand, was vielleicht auch daran lag, dass John David Washington in der Rolle überzeugt und die meisten Stunts selbst gemacht hat. "Beckett ist jemand, der ums Überleben kämpft", sagt Washington im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Er gibt einfach niemals auf. Deshalb habe ich diesen Part angenommen, weil ich mich mit dieser Haltung identifizieren kann", sagt Washington, dessen Vater Denzel zu den größten Stars Hollywoods gehört. Nicht immer einfach, mit einem solchen Namen im Business Fuß zu fassen, berichtet der Junior. "Ich war als Spitzensportler im Profisport beim American Football nur allzu oft auf der Ersatzbank, mir hat niemand je etwas geschenkt, ich habe mir alles erkämpft", sagt er. "Ich habe viel getan, um das mit meinem Nachnamen zu überwinden". 

Umso stolzer kann John David Washington heute auf seine inzwischen globale Karriere sein: Den Fußstapfen des Vaters ist er längst entwachsen, Filmerfolge wie "BlackKlansMan", "Tenet" oder "Malcolm & Marie" geben all jenen Recht, die an sein großes Talent geglaubt haben. Dazu gehören unter anderem die Herrschaften von Netflix, die "Beckett" für die weltweite Verwertung eingekauft haben. Schon "Malcolm & Marie" lief bei dem Streaming-Dienst. 

Locarno profitiert jedenfalls von der Netflix-Präsenz am Eröffnungsabend: Es war nicht immer leicht, große Filmstars zu dem als Arthaus-Festival bekannten Großevent zu bringen. Das scheint unter der neuen Führung von Giona A. Nazzaro, der mit heuer die Agenden des Festivals übernahm, zu gelingen. Er hat früh klar gemacht: "Kino ist Unterhaltung". Und die soll in alle Richtungen gehen: Vom hohen Anspruch bis zum schmackhaften Popcorn-Spektakel.