In "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" spielt Tom Schilling einen jungen Mann, der scharfsinnig, aber orientierungslos die späte Weimarer Republik erlebt. Erich Kästners Romanvorlage von 1931 nimmt vorweg, was bald Alltag ist in Deutschland: Es ist ein Zustandsbild der Gesellschaft am Vorabend der NS-Herrschaft.

"Wiener Zeitung": Erich Kästners "Fabian" ist voller Andeutungen und Vorahnungen. Die Verfilmung zieht durchaus Parallelen zur heutigen Zeit. Sehen Sie das auch so?

Tom Schilling: Es ist ein Ausschnitt aus einer Zeit, in der es große Unsicherheiten und soziale Spannungen gab. Das Gefühl, dass irgendwas schiefläuft und dass irgendwo bald eine Blase platzen muss, das ist das Gefühl dieser Zeit, der Weimarer Republik. Eine solche unsichere Zeit, eine überhitzte Gesellschaft, die haben wir heute auch. Das ging mit der Finanzkrise 2008 los, dann kam Trump, der dafür sorgte, dass es weltweit radikaler im Ton wurde. Und die Pandemie hat natürlich die sozialen Spannungen ebenfalls vergrößert. Dann tun die sozialen Medien ihr Übriges: Wir sind heute so sehr auf den Zuspruch der Community aus und vergessen dabei, dass wir uns wirklich nur in einer sehr kleinen Blase bewegen. Dadurch haben wir verlernt, Gegenpositionen auszuhalten. Das ist ein bisschen auch das Setting von "Fabian". Jakob Fabian sagt: Ich möchte lieber zusehen, ich schau mir das mal an, was passiert. Ich bin Fatalist, ich will mich nicht positionieren.

Wie sehr muss man so einer Rolle die eigene Persönlichkeit einbringen?

Ich muss immer sehr persönlich arbeiten. Ich habe ja nie eine Ausbildung gemacht, habe nie gelernt, wie man das richtig oder anders machen könnte. Ich glaube, da gibt es kein Richtig und Falsch, jeder Schauspieler macht das anders. Manche Schauspieler brauchen die totale Verwandlung, je weiter entfernt die Rolle von ihnen selbst ist, desto einfacher fällt ihnen die Interpretation. Ich bin genau auf der anderen Seite: Vereinfacht dargestellt sehe ich mich als Klavier, und meine Gefühle sind die Klaviatur. Wenn ich privat gern Schubert spiele, ist das die eine Sache, und wenn die Rolle eher Schumann ist, dann klingt es anders. Aber es ist immer ein Klavier, und alles geht durch mich durch.

So richtig ablegen können Sie eine Rolle also nicht?

Nein. Und ich muss mir die Figuren auch immer zu eigen machen, sonst glaube ich mir nicht, was ich da tue. Jetzt könnte man sagen: Der spielt sich bloß selbst, aber das ist nicht so. Denn sobald du gefilmt wirst, bist du nicht mehr du selbst. Wenn man beobachtet wird, verhält man sich ganz anders.

Ihre Figuren sind nicht selten in historischen Settings daheim, etwas, das sehr gut zu ihnen passt - von "Fabian" über "Werk ohne Autor" bis zu Ihrer Darstellung des jungen Adolf Hitler. Welchen Bezug haben Sie zu historischen Figuren?

Ich werde oft gefragt, wie ich das finde, in historischen Kostümen zu stecken und durch Kulissen zu wandeln, die etwa das alte Berlin zeigen. Ich sage dann immer: Ich empfinde dafür gar nichts Besonderes, denn meine Figur findet es ja völlig normal, so rumzulaufen, für die ist es in dem Augenblick nichts "Historisches": Es ist selbstverständlich für sie, mit einem alten Auto oder einer alten Tram unterwegs zu sein. Und so gebe ich mich dann auch.

Wie wichtig ist Zeitgeschichte für die Vorbereitung?

Das ist mir sehr wichtig. Ich habe mich schon so oft mit der Weimarer Republik und der Phase vor der Machtergreifung der Nazis beschäftigt, dass ich inzwischen sehr wenig Recherche benötige, um da hineinzufinden. Ansonsten bin ich jemand, der sich sehr genau und fast manisch mit gewissen Aspekten für eine Rolle beschäftigt.

Fast manisch, wie meinen Sie das?

Ich habe einmal einen Film gedreht, bei dem ich nur fünf Drehtage hatte, der hieß "Lara". Darin spielte ich einen Pianisten, der die Revolutionsetüde von Chopin aufführt. Ich habe dafür fast vier Monate lang Klavier geübt. Ich kann selbst ein wenig Klavier spielen, aber nicht die Revolutionsetüde. Deshalb habe ich wie ein Wahnsinniger Klavier geübt und bekam dadurch das Gefühl, dass ich am Set in der Rolle bleiben kann. Es war nämlich auch ein Orchester am Set, und alle meinten, so gut habe noch nie ein Schauspieler Klavier gefaket. Da wusste ich: Genau dafür habe ich vier Monate geübt. Die schrägen Blicke, hätte ich es nicht getan, würden mich total aus der Bahn werden. Eigentlich wäre es egal, denn im Film wird einfach drum herum geschnitten, und es sieht sowieso perfekt aus. Aber mir ist eben nicht egal, was die denken, die beim Dreh dabei waren.

Ist das Perfektionismus?

Es ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, entlarvt zu werden, die Angst, dass herauskommt, dass ich ein mittelmäßiger Schauspieler bin. Schauspielen bedeutet ja eigentlich, nichts zu können. Sondern nur so zu tun, als könnte man was.

Tom Schilling ist, trotz der Lorbeeren, die er schon hat, jedes Mal aufs Neue zurückgeworfen auf den Anfang?

Ja. Genau so ist es.

Gibt es Rollen, die Sie lieber nicht spielen würden?

Sachen, die ich nicht nachvollziehen kann, die Fake sind. Ich versuche auch, mich von sehr technischen Filmen fernzuhalten, weil ich weiß, dass ich darin nicht gut bin. Damit meine ich Filme, wo es mehr um die Hülle geht, um fette Bilder und geile Kamerafahrten. Wo man eher nur ein Gesichtsverleiher ist. Das will ich nicht sein.

Also nicht an der Seite von Daniel Brühl in den nächsten Marvel-Film einziehen?

Nein, und ich weiß auch nicht, was ihn da reitet. Ich glaube, das muss man unbedingt wollen und daran Spaß haben. Ich wüsste, dass ich nirgendwo so falsch aufgehoben wäre wie in einem Marvel-Film, und ich würde darin auch kläglich scheitern.