Für Stefan Ruzowitzky ist es eine Premiere: Sein Film "Hinterland" feierte am Freitag Abend seine Uraufführung auf der Piazza Grande in Locarno. "Ich bin zum allerersten Mal hier, das ist beeindruckend", sagt Ruzowitzky im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" über die große Piazza Grande, das Open-Air-Kino im Herzen Locarnos. Und auch das Wetter hat gehalten, nachdem es hier in den letzten Tagen eher regnerisch zuging. 

Der freundliche Himmel, er ist dennoch ein großer Kontrast zu dem, was Ruzowitzky seinem Publikum mit "Hinterland" vorsetzt: Darin schildert er die Geschichte von Kriegsheimkehrern aus dem Ersten Weltkrieg, die im Wien des Jahres 1920 keinen Anschluss mehr an die verarmte, zerrüttete Gesellschaft finden. "Sie kommen zurück aus einem schrecklichen Krieg und müssen dann als Bettler und Obdachlose leben, weil die Welt, die sie kannten, nicht mehr existiert: Das Kaiserreich ist zerfallen, Österreich ist eine junge, kleine Republik", so Ruzowitzky. Inmitten dieser Konstellation gerät einer der Rückkehrer, gespielt von Murathan Muslu, zunächst unter Verdacht, etwas mit einer grausamen Mordserie zu tun zu haben.

Eine Nachkriegswelt: In "Hinterland" ist Wien ein entrückter Ort dunkler Gestalten. 
- © Festival Locarno

Eine Nachkriegswelt: In "Hinterland" ist Wien ein entrückter Ort dunkler Gestalten.

- © Festival Locarno

Was "Hinterland" von einem gewöhnlichen Filmdrama unterscheidet, ist seine Machart: Der Film entstand im Studio, die meisten Aufbauten entstammen dem Computer. Und sie zeigen ein seltsam entrücktes Wien, das im eigenen Morast zu ersticken droht. Die Gebäude weisen allesamt stürzende Linien auf, sie wachsen schief und schräg in den Himmel, sodass diese düstere Optik den tragischen Zerfall der Gesellschaft zusätzlich unterstreicht. "Die Idee kam uns, weil wir uns von alten, expressionistischen Filmen jener Zeit inspirieren ließen, von ‚Dr. Mabuse’ bis zu ‚M - Eine Stadt sucht einen Mörder‘", erzählt Ruzowitzky. "Wir haben das mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln in großem Detailreichtum umgesetzt". 

Ruzowitzky (r.) mit seinen Hauptdarstellern Murathan Muslu und Liv Lisa Fries. 
- © Katharina Sartena

Ruzowitzky (r.) mit seinen Hauptdarstellern Murathan Muslu und Liv Lisa Fries.

- © Katharina Sartena

Und tatsächlich packt die digitale Bildgewalt die Geschichte in ein visuelles Faszinosum, bei dem man - vor allem als Wiener, der die Schauplätze kennt - ins Schwelgen gerät. Die Optik und das Zusammenspiel der zumeist gebrochenen Figuren sorgen für große Schauwerte und emotionale Momente. "Hinterland" spitzt das Gefühl einer Generation, zu den Verlorenen und Verlierern zu zählen, auf diese Weise dramatisch zu. 

Für Stefan Ruzowitzky ist der Film Neuland: "So etwas habe ich noch nie versucht. Zwar gibt es in fast allen meinen Filmen Effekte aus dem Computer, aber nicht in dieser Dichte", sagt der Oscar-Preisträger, für den die Premiere in Locarno überaus bedeutsam ist: "Bei großen Festivals wie diesen sind die internationalen Branchenmagazine vor Ort und bewerten den Film, dadurch werden die Filmeinkäufer aufmerksam. Insofern ist es ein wichtiger Ort, um einen Film aus der Taufe zu heben".

Sind Filme erst einmal "zur Welt gebracht", so haben sie oftmals lange Karrieren, die nicht mehr im Einflussbereich ihrer Macher stehen. "Kürzlich hat mein Erstling ‚Tempo‘ sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert", erzählt Ruzowitzky. "Da waren viele Gäste bei der Jubiläumsvorführung. Ich hatte mir gedacht: Wo waren die alle vor 25 Jahren, als ich als Nachwuchsfilmer die Aufmerksamkeit gebraucht hätte?" Ein Zeichen dafür, dass sich Ruzowitzky als Filmemacher etabliert hat, ist so eine Jubiläumsfeier allemal: "Ein schönes Gefühl, wenn die alten Filme weiterleben. Irgendwie sind alle Filme wie Kinder, die man groß werden sieht".

"Hinterland" soll im Oktober 2021 in Österreichs Kinos kommen.