Gale Anne Hurd investiert viel Geld in Filme. Und auch viel Herzblut: Die 65-jährige Hollywood-Produzentin hat der Filmwelt Werke wie "Terminator", "The Hulk", "Aliens - Die Rückkehr", "Dante‘s Peak" oder "Armageddon" beschert, ehe sie zuletzt vermehrt für das Fernsehen tätig und auch bei "The Walking Dead" als ausführende Produzentin an Bord war. Der Ex-Ehefrau von "Terminator"-Regisseur James Cameron hat man beim Filmfestival von Locarno nun einen Ehren-Leoparden für ihre Produzententätigkeit verliehen.

"Wiener Zeitung": Was hat Sie am Actiongenre fasziniert? Warum haben Sie Blockbuster produziert?

Gale Anne Hurd: Schon als Kind liebte ich Science-Fiction-Geschichten, weil sie sehr oft sehr episch erzählt waren. Der Kampf von Gut gegen Böse hat mich fasziniert. Daher rührt meine Faszination für die epische Kraft solcher Geschichten. Wichtig ist mir dabei aber immer gewesen, dass die Storys von den Figuren erzählten, nicht so sehr, wie die Effekte drumherum aussahen. Mich interessierten gewöhnliche Leute, die in außergewöhnliche Situationen gerieten und diese meistern mussten. Die an sich zweifeln, aber schließlich an den Herausforderungen wachsen und sich selbst oder sogar die Welt retten.

Nahm die Maskenempfehlung am roten Teppich in Locarno sehr genau: Filmproduzentin Gale Anne Hurd. - © K. Sartena
Nahm die Maskenempfehlung am roten Teppich in Locarno sehr genau: Filmproduzentin Gale Anne Hurd. - © K. Sartena

Sie haben mit vielen Ihrer Filme Geschichte geschrieben, ist Ihnen das bewusst?

Ich habe meine Karriere Seite an Seite mit James Cameron begonnen. Wir haben niemals darüber gesprochen, ob unsere Filmprojekte das Kino neu definieren werden oder ob wir das Filmemachen für immer verändern. Alles passierte als natürliche Evolution. Es gab damals unzählige Geschichten, in denen die Helden männlich waren. Aber Frauengeschichten gab es kaum. Das gab uns die Möglichkeit, etwas Neues zu versuchen, und so ist die Protagonistin in "Terminator" eben eine Frau.

Würden heute andere Leute in "Terminator" gehen als 1984?

Als wir "Terminator" herausbrachten, waren 60 Prozent der Besucher männlich, 40 Prozent weiblich. Das ließ den Schluss zu, dass Blockbuster vor allem für die männliche Zielgruppe gemacht wurden. Hingegen stellten bei Horror- oder Slasherfilmen, etwa bei "Halloween" (1978), immer die Frauen die Mehrheit. Ich glaube, dass gerade Slasher-Filme wegen des Adrenalins von Frauen bevorzugt werden, die gerade schätzten, dass man sich so etwas ansehen konnte, ohne jemals selbst in Gefahr zu geraten. Man darf auch das ältere Publikum nicht vergessen: Wer mit seinem Lieblings-Comichelden aufgewachsen ist, bleibt oft ein Leben lang Fan und geht ins Kino. Ich bin 65 und würde auf jeden Fall in einen Film gehen, der die Helden meiner Kindheit zurück auf die Leinwand bringt. Der Grund, warum Hollywood aber die junge Zielgruppe so wichtig ist, ist die Werbung, speziell im Fernsehen. Das ist heute die treibende Kraft bei den Entscheidungen: Welche Filme können wir drehen, damit darin und rundherum Werbung platziert werden kann, von Firmen, die ihre Produkte an diese Zielgruppe bringen.

Wie wichtig waren Ihnen solche Überlegungen?

Bei mir stand immer zuallererst die Leidenschaft für die Geschichte im Vordergrund. Wenn man sich in diesem Beruf oftmals jahrelang dafür einsetzen muss, um einen Film auf die Beine zu stellen, dann geht das nur, wenn man genug Leidenschaft dafür mitbringt. Da muss alles stimmen: Das richtige Team, die richtige Story, die Geldgeber. Man ist am Ende nicht immer zufrieden mit dem Ergebnis, aber man hat mit großer Leidenschaft versucht, das bestmögliche daraus zu machen.

Meint Erfolg in Ihrem Vokabular eigentlich vor allem die Business-Seite des Filmgeschäfts? Also möglichst hohes Einspielergebnis?

Nein. Erfolg ist, dass der Film fertiggestellt wird und erscheinen kann. Als Produzent musst du viele deiner Projekte aufgeben, weil sie nicht realisiert werden können. An vielen Stoffen arbeitet man acht bis zehn Jahre, ehe sie fertig sind. Da gibt es auch Rückschläge. Die Filmeinkäufer verändern sich, suchen andere Stoffe, auch die Finanziers werden selektiver, meiden oftmals ein Risiko. Meine Aufgabe ist es, den Film so weit wie möglich in die Richtung zu bringen, in den ihn alle Beteiligten von Beginn an bringen wollten. Mehr kann ich als Produzentin nicht tun. Ich bin daher oftmals glücklich über Filme, die vielleicht nicht so viel eingespielt haben, aber in sich stimmig sind, und ich kann manchmal enttäuscht sein über Filme, die zwar gutes Geld verdient haben, aber bei denen ich denke, dass sie hätten besser werden können.

Sci-Fi und Comics gehörten einmal zu den absoluten B-Movie-Stoffen. Das hat sich geändert. Wieso?

Das Filmbusiness richtet sich immer danach, was in der Vergangenheit erfolgreich war, anstatt in die Zukunft zu schauen. Wenn man Horrorfilme hat, die als B-Movies gelten und niemals irgendwelche Preise gewinnen, dann bekommt man dafür auch nicht die nötigen Ressourcen - und diese Filme bleiben eben B-Movies. Aber dann kam Stanley Kubrick und drehte 1968 seinen Film "2001 - Odyssee im Weltraum", und plötzlich merkten die Leute, dass auch Science-Fiction ernst zu nehmende Filme hervorbringen konnte. Das war ein Gamechanger. Ich gehe sogar so weit, dass George Lucas womöglich "Star Wars" gar nicht hätte drehen können, wenn Kubrick nicht "2001" gemacht hätte. "2001" war der Startpunkt, und da ging es noch nicht mal um die Comics. Als diese neuen Filme dann erfolgreich waren, hat man in Hollywood sehr schnell die Macht der Sequels erkannt, denn dafür musste man beim Marketing nicht wieder so viel investieren, weil die meisten Kinobesucher ja die Figuren und die Settings schon kannten. Das wurde schnell der dominante Faktor in groß budgetierten Filmen.

Als Sie anfingen, gab es zwar Frauen, die Filme produzierten, aber kaum welche, die sich an solchen Genre-Filme von solch epischer Größe wagten. Waren Sie eine Pionierin?

Ich muss in diesem Fall Debra Hill den Vortritt lassen, denn sie hat das schon gemacht, bevor ich in den Ring stieg. Sie produzierte "Halloween" (1978), und wenn man der Erste und Einzige ist, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann den Leuten, die unter dir auf der Leiter stehen, die Hände reichen und sie hinaufziehen. Oder man kann ihnen auf die Finger treten und dafür sorgen, dass sie unten bleiben. Debra Hill hat mir die Hand gereicht und mir das Selbstvertrauen gegeben, dass ich das kann. Es ging dabei aber eigentlich niemals um die Frauenfrage. Mussten wir uns deshalb mehr behaupten? Uns ging es viel mehr um die Frage, wie kann man einen Film besser produzieren, wie kann man die Geschichte noch besser machen? Ohne Debra wäre ich heute nicht hier. Und ich muss sagen, ich habe nie realisiert, dass wir damals einen Weg für Frauen geebnet haben; man ist als Produzent so sehr fokussiert auf das nächste Projekt, dass man daran überhaupt nicht denkt.

In Zeiten von Algorithmen müsste es eigentlich ganz einfach sein, den nächsten Filmhit zu landen, oder?

Ich wurde tatsächlich bereits von Firmen kontaktiert, die mir Algorithmen angeboten haben, mit denen ich den Erfolg eines Films berechnen kann. Aber davon halte ich überhaupt nichts. Das bezieht weder mit ein, welchen Cast du hast, noch welches Team, noch welche Drehorte, welche Regisseure inszenieren oder welche Pandemie gerade für eine Schließung der Kinos sorgt.

Was sehen Sie privat im Kino?

Das lässt sich aus meiner Filmografie vielleicht nicht unbedingt ableiten, aber: Ich liebe künstlerisch anspruchsvolle Filme! Bei den diesjährigen Oscars habe ich 80 der über 100 Einreichungen für den besten fremdsprachigen Film angeschaut. Das erfüllt mich, gibt mir Einblick in andere Kulturen und in andere Arten, Filme zu machen. Gerade bei solchen Filmen wird mir klar, wie mächtig die Kraft des Kinos noch immer ist. Das Fernsehen ist ihm in keiner Weise überlegen.

Hat die Pandemie unsere Art, Filme zu sehen, für immer verändert?

Es ist eine harte Zeit für die Kinos. Weil die Pandemie so völlig unvorhersehbar ist. Das treibt viele auf die Streaming-Portale, und die Fenster zwischen Kinostart und Streaming-Release werden immer kleiner. Ich habe Hoffnung, aber ich fürchte, die Pandemie ist noch nicht vorüber. Was mir wichtig ist: Dass wir weiterhin ins Kino gehen können. Ich hoffe, dass der Druck auf die Studios, immer profitabler zu werden, nicht dazu führt, dass man etwas zerstört, was immer ein fundamentaler Bestandteil meines Lebens war.

Sind große und immer größere Blockbuster die Lösung für das Problem?

Die Frage, wie man einen Film vermarktet, wird immer wichtiger. Vor allem: Wie preist man einen Film an, damit er die Leute dazu bringt, dafür das eigene Wohnzimmer zu verlassen und in ein Kino zu kommen? Ich fürchte, diese Frage ist noch nicht gelöst.