Wo es Arm und Reich gibt, gibt es Licht und Schatten, wo es Neid und Gier gibt, gibt es Hass und Mord. Die zehn Gebote, sie gelten insbesondere in diesem Film des Mexikaners Michel Franco nicht, der sie hier im Zuge einer regelrechten Schlacht bricht und wieder bricht. Es ist in einem Land, in dem fast 85 Prozent der Menschen Katholiken sind, ein filmischer Frevel, so derart respektlos mit der Verbotsliste aus der Bibel zu verfahren.

"New Order - Die neue Weltordnung" ist in dieser Hinsicht eine Revolte: Hier stehen die Armen gegen die Reichen auf, und zwar im großen Stil. Es gibt kein Halten mehr, keine Brutalität ist brutal genug, wenn hier die Mittellosen den Aufstand gegen die Betuchten proben. In Mexiko sind die Gegensätze an diesen beiden Polen besonders stark, was den Film für so manchen Zuschauer, der die Verhältnisse kennt, zu einer Doku macht. Das Fiktionale daran sind allerdings die Menschen, die einer Horde Zombies gleichen und die mit grüner Farbe und brutaler Waffengewalt in die Häuser der Reichen einfallen und dort totales Chaos auslösen.

Längst gehören die Demonstranten auf den Straßen zum Alltagsbild, da nimmt uns "New Order" mit in ein Reichenviertel von Mexiko City, wo man von all der Aggression da draußen bislang nicht viel mitbekommen hat.

Hochzeit ohne Braut

Hier feiert eine gehobene Gesellschaft ein rauschendes Fest, als gäbe es kein Morgen mehr: Die Hochzeit von Marianne und ihrem Ehemann soll zu einem Ereignis werden, das unvergessen bleibt, und tatsächlich: Die, die dieses Fest überleben, werden es ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Marianne, die Braut, wird zunächst verpassen, was auf dem Fest passiert, denn sie verlässt die eigene Feier auf Drängen eines langjährigen treuen Hausdieners und bekommt daher gar nicht mit, als ihr Fest von den Demonstranten gestürmt wird. Doch zugleich gerät sie hinaus in das Chaos, das außerhalb ihrer "Gated Community" herrscht. Dort versucht längst das Militär mit verzweifelten Mitteln, wieder Herr der Lage zu werden. Aber der Zorn der Armen ist größer als alles, was man ihm entgegensetzen könnte.

Es wird gemordet, auf den Straßen türmen sich die Leichen, Raub, Gewalt und eine machtlose Polizei sind die Begleiter dieser Unruhen, und die Hochzeitsgesellschaft steuert mehr und mehr auf eine Katastrophe zu.

Michel Francos Dystopie war der Jury beim Filmfestival von Venedig im Vorjahr ihr Großer Preis wert, man hätte dieses famos gefilmte Gewaltstück aber durchaus auch mit einem Goldenen Löwen bedenken können, so dicht und intensiv ist der Regisseur dran an einem weltweit schwelenden Konflikt: Die Gegensätze werden größer, egal ob gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell oder die Zukunft des Planeten betreffend. Franco begreift seinen Film als Warnung gegen die wachsende Ungleichheit, malt mit dickem Pinsel den Horror von Anarchie, Diktatur und Gewaltexzessen auf die Leinwand, und widersteht dennoch der Versuchung, dem Film eine allzu offensichtliche Botschaft einzuimpfen. Fest steht aber: Für Michel Franco ist das Ringen um mehr Gerechtigkeit auf der Welt nicht aufzuhalten, weil die junge, die wütende Generation, die in seinem Film mordend durch die Straßen zieht, ihre Geduld verloren hat: Schon ihre Eltern und Großeltern lebten in ärmlichen Verhältnissen, und das addiert sich zu einem Tsunami, der unaufhaltsam ist wie jede Naturkatastrophe: Sie ist nicht und niemals zu verhindern.