Auf der Alm, da verläuft das Leben in anderen Bahnen; es ist weniger laut und grell als anderswo, und der Konnex zur Zivilisation ist allenfalls zart, wenn überhaupt vorhanden. Hier lebt Johannes, gespielt von Franz Rogowski, ein stummer, junger Mann, des Sprechens kaum mächtig, und eher einfältig. Gemeinsam mit seiner Mutter Maria (Susanne Jensen) ist er in einer provisorisch anmutenden Almhütte zuhause, es wird viel gebetet, es gibt viele tägliche Rituale und es spielen Drohnen hier eine große Rolle, mit denen das Gelände abgeflogen wird.

Die Einöde ist keinesfalls idyllisch, eher rau und ungemütlich; dennoch ist es ein Schock, als die Zivilisation in Form von Tourismus-Begierden hier über die Ruhe hereinbricht; ein Skigebiet in dieser Stille? Das muss direkt mit dem Teufel zu tun haben, den Johannes wie nichts sonst auf der Welt fürchtet. Die Ereignisse verdichten sich, und am Ende steht ein Exorzismus.

Der Wiener Filmemacher Peter Brunner ("To the Night") hat es mit "Luzifer", dieser "auf einem wahren Exorzismus beruhenden" Geschichte, in den Wettbewerb um den Goldenen Leoparden von Locarno geschafft; ein Bewerb, stets prall gefüllt mit außergewöhnlichen Arbeiten, die fernab des Mainstream umgesetzt sind. So ist auch "Luzifer" voller archaischer Bilder, die konsequent jedem Postkartenmotiv zuwiderlaufen. Symbolik und Glaube spielen hier große Rollen, und Rogowski ist als wortkarger Protagonist zurückgeworfen auf Mimik und Körperlichkeit. Experimentell im Zugang ist die Mischung von verstörenden Bildern und ebenso verstörendem Sound. Der von Ulrich Seidl produzierte Film funktioniert als Zustandsbild, nicht aber als Erzählung: Dafür fehlt es "Luzifer" an Linearität, zusehends driftet der Film ins Abstrakte ab.

Große Bilder für die Piazza

Erzählerisch konkreter bleibt hingegen der Beitrag von Stefan Ruzowitzky: "Hinterland" ist kein Wettbewerbsfilm, sondern lief auf der Piazza Grande, wo man nach den großen, effektgeladenen Bildern giert: Die liefert "Hinterland" en masse. Es geht um desillusionierte Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, die im Wien des Jahres 1920 keinen Anschluss mehr an die verarmte, zerrüttete Gesellschaft finden. Nichts ist mehr, wie es einmal war, der Kaiser ist weg, das Vaterland auch, die Nation ist geschrumpft. Inmitten dieser Konstellation gerät einer der Rückkehrer, gespielt von Murathan Muslu, zunächst unter Verdacht, etwas mit einer überaus grausamen Mordserie zu tun zu haben.

Ruzowitzkys hauptsächlich im Computer entstandenes Wien ist seltsam entrückt, es droht im eigenen Morast zu ersticken. Die Gebäude weisen allesamt stürzende Linien auf, sie wachsen schief und schräg in den Himmel, sodass diese düstere Optik den tragischen Zerfall der Gesellschaft zusätzlich unterstreicht. Der Oscar-Preisträger zitiert vielfach die expressionistischen Frühwerke des Kinos, das funktioniert über weite Strecken ausgezeichnet.

Selbstverwirklichung

Für die Wiener Schauspielerin Maresi Riegner brachte der schweizerisch-deutsch-österreichische Film "Monte Verità" die Gelegenheit, ihren Facettenreichtum unter Beweis zu stellen: Als junge Mutter bricht sie im Jahr 1906 aus ihrem bourgeoisen Wiener Leben aus, in dem sie auch unter den Unterdrückungen ihres Mannes leidet, und geht ins Tessiner Sanatorium Monte Verità in Ascona, dem Nachbarort zu Locarno. Dort entdeckt sie Unbeschwertheit und Selbstverwirklichung, was sich für eine Frau zu jener Zeit und in den meisten Gesellschaften nicht schickte. Entsprechend zerrissen ist sie innerlich, zwischen der Familie und den eigenen Bedürfnissen. Stefan Jägers Film geizt nicht mit großen Bildern, nutzt das Tessiner Lokalkolorit für einen bleibenden Eindruck bei diesem Festival. Maresi Riegner gefällt in der Rolle; man kann dieser überaus jugendlich wirkenden 30-jährigen Schauspielerin nur wünschen, weitere ausdrucksstarke Frauenfiguren angeboten zu bekommen.