Man fühlt sich sehr schnell an den Referenzfilm für dieses komödiantische Subgenre erinnert. In "Die Truman Show" musste Jim Carrey 1998 schmerzlich erfahren, dass das Leben, das er lebt, gar nicht wirklich seines ist, sondern dass er es schon von Geburt an mit Millionen Menschen teilt: Als nichtsahnender Protagonist einer Reality-TV-Show war er Superstar und Leidtragender gleichermaßen.

Eine Variation davon legt Shawn Levy nun mit der Komödie "Free Guy" (derzeit im Kino) vor, und diesmal ist die Geschichte nicht in der Welt der Reality-Shows, sondern in jener der Computerspiele angesiedelt: Im Mittelpunkt des Films steht Guy (Ryan Reynolds), ein Kassierer in einer lokalen Bankfiliale in dem Videospiel "Free City". Doch spielt Guy anders als Truman keine Hauptrolle. Dort ist er ein sogenannter NPC (non playable character), also eine Figur, die man nicht spielen kann, sondern die gemäß ihrem Programmiercode ihre immer gleiche Tätigkeit verrichtet. Wieder und wieder und wieder. Weshalb Guys Leben recht eintönig gerät: Für ihn ist es bereits Routine, dass seine Bank im Spiel gleich mehrmals täglich überfallen wird.

Ryan Reynolds und Shawn Levy: "Wir haben das Drehbuch bis in den Schneideraum immer wieder umgeschrieben." - © Disney
Ryan Reynolds und Shawn Levy: "Wir haben das Drehbuch bis in den Schneideraum immer wieder umgeschrieben." - © Disney

Doch eines Tages findet Guy heraus, dass er ein NPC ist, was auch an den Programmieren Milly (Jodie Cormer) und Keys (Joe Keery) liegt. Guy verliebt sich in Millys Avatar Molotovgirl, und die Macher des Spiels entdecken, dass Guy, der eigentlich nur aus Bits und Bytes besteht, ein seltsames Eigenleben und Sehnsüchte entwickelt hat. Sie wollen den Game-Server schnellstmöglich abschalten, für Guy steht nicht nur seine Byte-Existenz auf dem Spiel: Es bleibt ihm kaum mehr Zeit, sich und die anderen Figuren in "Free City" zu retten. "Free Guy" ist überaus originell, temporeich und witzig. In einem Zoom-Event zum Filmstart hat Ryan Reynolds über die Hintergründe gesprochen, die ihn zum Komödienhelden dieses Kinosommers gemacht haben.

"Wiener Zeitung": Mr. Reynolds, Ihre Filmfigur ist ein ziemlich naiver Mensch, oder besser gesagt: eine Videospielfigur. Gab es dazu Vorbilder, die Sie sich angesehen hatten?

Ryan Reynolds: Ja, für mich gibt es eine wichtige Referenz für diesen Film, die mir gleich in den Sinn kam, als ich das Drehbuch las: Das ist der Film "Being There" (1979, Regie: Hal Ashby) mit Peter Sellers. Das war mein erster Anhaltspunkt. Und ich muss sagen: Es ist ganz wunderbar, eine Figur zu spielen, die in gewisser Weise völlig naiv und unschuldig ist und die, man kann es nicht anders sagen, sich verhält, wie ein vierjähriger Erwachsener. Mir ging es darum, herauszustreichen, dass diese Figur durch ihre Augen eine ganz neue Welt entdeckt, und zwar durch das Prisma einer Komödie, in der es manchmal auch zynisch zugehen darf. Zugleich war es auch eine große Freude, zusammen mit dieser Figur in ein neues Leben zu treten, in dem alles noch unbekannt ist.

Wie viel Freiheiten bietet Ihnen eine Komödie wie diese? Ist hier alles bis zum letzten Wort ausgeschrieben oder gibt es Raum für Improvisation?

Meistens ist es schon sehr genau ausgeschrieben, was wir vor der Kamera machen sollen, aber es bleibt uns dennoch etwas Freiheit, ein bisschen zumindest. Ohne diese Freiheit würde eine Komödie nicht funktionieren, ohne diesen Moment, in dem man vor der Kamera improvisiert. Und da hilft es, wenn man mit seinem Gegenüber gut kann, denn dann werden die Figuren lebendiger und dreidimensional und für alle im Publikum nachvollziehbar.

Wie wichtig ist die Vertrautheit zum Gegenüber, mit dem man spielt?

Sehr wichtig. Wir alle hoffen, dass wir wieder in dieser Form zusammen spielen werden, oder zumindest: in einem anderen Film diese Gelegenheit bekommen werden, denn wenn ein Team funktioniert, dann ist es gut, immer wieder zusammen zu arbeiten. Vielleicht in einem Sequel zu "Free Guy" oder eben in anderen Projekten.

In Hollywood verlässt man sich zunehmend auf Projekte, die auf Nummer sicher gehen. "Free Guy" ist da eine angenehme Ausnahme. Sehen Sie das auch so?

Es war ziemlich aufregend, das Drehbuch zu lesen, ich wollte sofort unbedingt dabei sein. Ich schickte es an Shawn, und ehe ich es mich versah, saß er in New York in meinem Wohnzimmer und besprach mit mir schon Details zu den Szenen. Es ist wirklich schwierig geworden, heute Stoffe zu finden, die originell sind und nicht bereits auf irgendeiner Franchise basieren, von der es schon unzählige Sequels und Prequels gibt. Man versucht also, den perfekten Film daraus zu machen, und zugleich weiß man: Der perfekte Film muss am Ende nochmals um 30 Prozent perfekter sein, weil er eben nicht den Vorteil einer Franchise hat, bei der das Publikum bereits alles Figuren und Storylines kennt. Wir haben das Pferd also wirklich auf ganz altmodischem Weg aufgezäumt, und das ist ziemlich nervenaufreibend. Dennoch waren wir sicher, dass das, was wir machen, auch Gehör finden kann: Der Film basiert auf einem Konzept und einer Idee, die die Leute kennen, nämlich auf der Welt der Videospiele.

"Free Guy" steckt voller Details, die man genüsslich entdecken kann, es ist ein Film, der zu mehrmaligem Ansehen geeignet ist. Gibt es einen Moment, in dem man weiß, der Film ist fertig und genau so wie er sein soll?

Zak Penn, Shawn Levy und ich haben das Drehbuch massiv überarbeitet, und das hat uns wirklich bis in den Schneideraum begleitet. Die Arbeit am Film war liebevoll, weil wir dem Prinzip gefolgt sind, das man sich in Hollywood seit Jahrzehnten erzählt: "Höre auf deinen Film, und er wird zu dir sprechen." Shawn Levy glaubt auch an dieses Prinzip, genau wie ich. Das Script war also ständigen Änderungen unterworfen und hat eine Art Eigenleben entwickelt. Ich habe das Gefühl, es ist einer der besten Filme, die ich je gedreht habe.

Könnten Sie sich vorstellen in "Free City" zu leben?

Ich bin versucht zu sagen: Ja. Denn ich weiß ja, dass es kein wirkliches Videospiel ist, aber die Farben und die Settings in diesem Spiel gefallen mir sehr gut. Jedoch muss man wirklich sagen: Es ist ein relativ gefährlicher Ort zum Leben. Ich muss aber auch sagen: "Free Guy" ist kein Film über ein Computerspiel. Es ist auch kein Film, der auf einem Computerspiel basiert. Das zu behaupten, wäre so, als würde man sagen, "Titanic" sei ein Film über die Schifffahrt.

Worum geht es noch?

Es ist ein Film über so viel mehr. Ich mag den schmalen Steg, den wir entlanggegangen sind, um den richtigen Gamern unter den Kinobesuchern das Gefühl zu geben, einen Videospiele-Hit konzipiert zu haben. Zugleich haben wir eine weitere Story da hineingeschmuggelt, das macht mich stolz, das war etwas Besonderes.

Wenn Sie den Film anpreisen müssten, was würden Sie dem Publikum sagen? Was wäre ihre Botschaft?

Oh Mann! Ich glaube, dass "Free Guy" wie eine Art Gegengift wirken kann zu dem, was wir alle gerade durchgemacht haben im letzten Jahr. Und zwar in dieser Hinsicht, dass der Film von einer sehr hoffnungsvollen Art ist: Er erzählt davon, dass man sich auch etwas von seiner Unschuld bewahren muss, um in einer zynisch gewordenen Welt überleben zu können. Und dass man diesen hoffnungsvollen Optimismus gerne auch weiterverbreiten darf. Ich bin daher sehr froh, dass wir diese Geschichte nun endlich mit der Welt teilen können.