Mit John David Washington über den eigenen berühmten Vater Denzel zu sprechen, macht wenig Sinn. Denn der Sohnemann ist den Fußstapfen des Vaters längst entwachsen. Seine Auftritte in Spike Lees "BlacKkKlansman", in Christopher Nolans "Tenet" oder im Kammerspiel "Malcolm & Marie" haben aus ihm einen Superstar gemacht, und nun spielt der 1984 geborene Washington in "Beckett" (zu sehen auf Netflix) einmal mehr eine Hauptrolle, die seinen Status als Hollywood-Star der Stunde zementieren dürfte.

Als US-Tourist Beckett ist Washington darin mit Freundin (Alicia Vikander) auf Griechenland-Urlaub; nach einem für seine Freundin tödlichen Autounfall gerät Beckett ins Visier eiskalter Killer, die hinter ihm her sind; schwer verletzt schlägt er sich bis Athen durch, wo er unterwegs eine politische Aktivistin (Vicky Krieps) kennenlernt. Doch das Rätsel, wieso man ihn jagt, muss Beckett erst noch lösen.

Premiere von "Beckett" in Locarno: Washington mit Regisseur Ferdinando Cito Filomarino und Co-Star Vicky Krieps. - © K. Sartena
Premiere von "Beckett" in Locarno: Washington mit Regisseur Ferdinando Cito Filomarino und Co-Star Vicky Krieps. - © K. Sartena

"Wiener Zeitung": Es ist eine physisch fordernde Rolle, die Sie in "Beckett" spielen. Sie sind permanent auf der Flucht und müssen alle Stunts mit nur einem Arm erledigen, weil Sie in der Rolle angeschossen werden.

John David Washington: Ich verstehe meinen Job schon so, dass ich mich meinen Figuren auch körperlich stark annähern will. So kann ich mich sehr gut in die Komplexität einer Figur einfühlen, wenn ich auch so aussehe, wie diese aussehen soll. Und nicht einfach mit Make-up und Maske so tue als ob. Bei "Beckett" war mir wichtig, dass dieser Mann kein Athlet ist, sondern ein Durchschnittsamerikaner. Ich habe mir etwas Gewicht angefuttert, es gab viele Burger und Eiscreme. Diese Figur hat sich nach dem Autounfall in diesem Film kein einziges Mal mehr sicher gefühlt. Um mich stets daran zu erinnern, verordnete ich mir selbst kleine Crashs und lief zum Beispiel gegen eine Tür oder gegen eine Wand, um mir die Schmerzen in Erinnerung zu rufen, die meine Figur permanent zu erdulden hat. Aber noch mehr als der physische Aspekt von Beckett hat mich seine mentale Stärke interessiert. Schließlich trägt er die Schuld mit sich herum, dass seine Freundin durch sein Verschulden gestorben ist, und das muss man erst einmal aushalten. Das war ein völlig neuer Zugang für mich, so etwas habe ich noch nie gespielt.

Ist es eigentlich wichtig für Sie, mehr über eine Figur zu wissen als das Publikum? Gaben Sie Beckett also eine Backstory?

Ja, denn das gehört zu den tollen Aspekten meines Jobs: dass man sich eine Biografie zu seiner Figur überlegen kann. Zugleich muss man aber auch in der Lage sein, diese Biografie auszublenden, wenn es nötig wird, denn am Set ändern sich die Dinge auch ständig, je nachdem, wie die Story sich entwickelt. Man merkt das dann im Zusammenspiel mit den anderen Schauspielern, ob das, was man sich zu seiner Rolle überlegt hat, auch wirklich Sinn macht. Notfalls muss man seine Ideen verwerfen, um ein großes Ganzes zu schaffen mit dem Team. Manchmal macht es mehr Sinn, das über die Figur zu glauben, was der Regisseur einem sagt, als was man sich selbst dazu ausgedacht hat.

Sie stehen seit einiger Zeit dauerhaft im Scheinwerferlicht, vor allem, seit "Tenet" herauskam. Wie gehen Sie mit dem öffentlichen Interesse um?

Ich meine es verdammt ernst, wenn ich sage: Ich liebe wirklich das, was ich mache, und es ist ein Privileg, das machen zu dürfen. Ich befinde mich in einem konstanten Lernprozess. Ich lerne von allen Regisseuren, von den Co-Stars und sauge es in mich auf. Ich weiß noch von meiner Kindheit, was es heißt, sich mitreißen zu lassen. Das will ich mir bewahren. Ich freue mich über meine Arbeit heute jeden Tag wie ein kleines Kind, aber ich werde erwachsen, und das ist es, was mich derzeit am meisten interessiert: Erwachsen zu werden, ohne diese Unschuld zu verlieren, die man als Kind hat.

Was gehört für Sie zu diesem Lernprozess dazu?

Neue Horizonte zu entdecken. Meine Kollegin Vicky Krieps hat mir beim Dreh zu "Beckett" die Augen für Neues geöffnet. Anstatt mich im Hotel zu verkriechen und den Room Service anzurufen, hat sie mich rausgeholt, und wir entdeckten fabelhafte Restaurants und lernten tolle Menschen kennen. Ich bin wirklich froh, dass sie mich da aus meiner Komfortzone geholt hat, denn das ist genau das, was ich meinte: als Künstler zu wachsen und erwachsen zu werden. Dazu gehört auch die Fähigkeit zu erkennen, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, eine Rolle zu spielen, genauso wie es mehrere Möglichkeiten gibt, fremde Länder zu erkunden. Ich bin dankbar, dass ich damit mein eingefahrenes System überwinden konnte, das hat meinen Horizont erweitert.

Welcher Aspekt Ihrer Figur hat Sie überzeugt, die Rolle in "Beckett" zu spielen?

Für Beckett geht es ums Überleben. Er ist ein Underdog. Und mir gefällt das. Ich selbst bin zeit meines Lebens unterschätzt worden, ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Ich war einmal ein Profi-Sportler, spielte American Football. Als Runningback war ich für die Sacramento Mountain Lions in der United Football League unterwegs, aber der Job war schwer. Da musste ich mir alles hart erarbeiten. Niemand hat mir jemals wirklich eine Chance gegeben. Das ging alles sehr langsam. Ich habe daraus eine Art Tiermentalität entwickelt, eine Überlebensmentalität.

Sie haben sich erst nach dieser Sportlerkarriere entschlossen, Schauspieler zu werden. Hatten Sie Probleme damit, einen so berühmten Vater zu haben?

Ich wollte immer schon tun, was mein Dad tat, wollte immer schon Schauspieler und Künstler sein. Aber mit dieser Verwandtschaft ist das nicht leicht: Beim Football war es noch so, dass ich mich unter dem Helm verstecken konnte, meine Identität lag sozusagen hinter der Football-Persönlichkeit. Heute ist mein Vater für mich der beste Schauspieler der Welt, er inspiriert mich ungemein. Und mir war es wichtig, mich irgendwann als ein Washington zu behaupten und meinen eigenen Weg zu gehen. Dasselbe sehe ich in Beckett. Er sucht nicht nur verzweifelt nach einer Möglichkeit, sein Leben zurückzubekommen, sondern er sucht auch nach Wiedergutmachung. Ich kenne seinen Kampf, denn ich habe selbst sehr oft in meinem Leben nach einer Gelegenheit gesucht, mich zu beweisen und zu zeigen, was in mir steckt. Die Parallelen zwischen mir und Beckett waren teilweise schon beängstigend, und es war noch einmal beängstigender, diese Rolle dann auch zu spielen.

"Beckett" wurde von Netflix produziert. Finden Sie es schade, wenn Filme nicht mehr zuerst auf der großen Kinoleinwand zu sehen sind, so wie bei der "Beckett"-Premiere in Locarno?

Ich liebe das Kino und die große Leinwand, aber die Zeiten haben sich geändert. Während Corona will man trotzdem die Menschen mit dem Film erreichen, will, dass der Film weltweit zu sehen ist. Man hat mit Streamingdiensten eine Lösung parat, die auf einer sozialistischen Idee beruhen: Nämlich, dass man die Filme für alle verfügbar macht. Aber ich glaube, es braucht beides: die Streamingdienste und die große Leinwand.