Es sind schon fragwürdige Methoden, die Masha Dmitrichenko (Nicole Kidman) in ihrem Luxus-Ressort "Tranquillum House" anwendet: Da lässt sie ihre neun erholungswilligen Gäste doch tatsächlich im Garten des Anwesens ihr eigenes Grab schaufeln und fordert sie auf, darin Probe zu liegen.

Es ist ein Bild, das stellvertretend für viele seltsame Ereignisse steht, die sich in der neuen Amazon-Prime-Serie "Nine Perfect Strangers" (ab heute, Freitag, zu sehen) zutragen. "Tranquillum House" ist eine Art Sanatorium für die Wohlhabenden, fernab vom hektischen Treiben des Alltags; neun ausgewählte Menschen kommen hier zusammen, um innerhalb von zehn Tagen wieder zu sich zu finden; dazu gehört zunächst einmal die Abnahme des Smartphones bei der Ankunft und ein herzliches Willkommens-"Namaste". Dann soll mit individuellen Behandlungen versucht werden, bei jedem Einzelnen den Reset-Knopf zu drücken. Unter anderem eingecheckt hat eine dreiköpfige Familie, bei der einiges im Argen liegt, ein junges Paar, das wieder zueinanderfinden will, oder auch die Schriftstellerin Frances Welty (Melissa McCarthy), der man auf der Fahrt nach "Tranquillum House" den Verlagsvertrag kündigt, was sie vollends aus der Bahn wirft. Aber dann gleich das eigene Grab schaufeln?

Doch Nicole Kidman gibt als Oberguru Masha die Direktiven aus. "Ein Teil der Heilung besteht darin, die Wunde zu finden", sagt sie gern, und bald schon bemerkt man als Zuschauer, dass die neun Fremden, die hier Körper und Geist wieder auf Vordermann bringen wollen, sich zwar untereinander nicht kennen, aber keinesfalls zufällig von Masha auserwählt wurden. Offensichtlich sind die Abgründe und inneren Dämonen der Besucher perfekt aufeinander abgestimmt.

Die Selbstoptimierung aufs Korn nehmen

Die Dramaserie von Produzent David E. Kelley basiert auf einem Roman der australischen Schriftstellerin Liane Moriarty. Kelley hatte zuvor schon mit der Serie "Big Little Lies" großen Erfolg, in der Kidman ebenfalls mitwirkte und die auch aus Moriartys Feder stammte. Auch bei der Serie "The Undoing" arbeiteten Kelley und Kidman zusammen. Ein Erfolgsgespann setzt also dazu an, den nächsten großen Serienhit zu landen. Mehr noch als "Big Little Lies" arbeitet sich "Nine Perfect Strangers" zuweilen satirisch am Thema Selbstoptimierung ab - der daraus resultierende Wahn hat schon viele moderne Großstädter um ihr Seelenheil gebracht, und die Serie nimmt das alles ordentlich aufs Korn. Vor allem Melissa McCarthy ist als ulkige Stichwortgeberin für die Lacher in der Serie zuständig. Die Übung im eigenen Grab findet sie "absolut lächerlich", aber wird das wohl so bleiben? McCarthy besitzt speziell zu Beginn der Serie die meiste "Screen Time", während andere Figuren zunächst eher im Dunklen bleiben. Auch Kidman ist zunächst nur eher selten zu sehen.

Das Setting ist thematisch spannend, die Umsetzung ist allerdings zuweilen etwas holprig geraten, es kommt dann und wann ein Anflug von Langeweile auf. Immerhin ist die Besetzung eindrucksvoll: Neben Kidman und McCarthy ist mit Michael Shannon ein mehrfach oscarnominierter Schauspieler dabei. Weitere Stars sind Luke Evans und Regina Hall. Wie bei "Big Little Lies" inszenierte nur ein Regisseur sämtliche der acht Folgen. Regie führt dieses Mal Komödienspezialist Jonathan Levine anstatt Jean-Marc Vallée. Das lässt immerhin zu, dass man der Miniserie eine stilistische Handschrift aufdrückt. Um eine neue Kultserie zu werden, dafür ist "Nine Perfect Strangers" am Ende dann doch zu wenig exaltiert, was womöglich auch an der Tiefenentspannung liegt, die man im "Tranquillum House" ja verinnerlichen soll.